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TO ROCOCO ROT

Die gelebte offene Beziehung

TO ROCOCO ROT

Bei Bands, die es schon eine ganze Weile gibt, fragt man sich oft, wie die es denn so lange miteinander aushalten. Die Recherche wirft meist ein ernüchterndes Bild auf die menschliche Beziehungsfähigkeit. Die Stones gibt es nur, weil Pepsi das so will, Depeche Mode, weil Dave und Martin fast nichts mehr miteinander zu tun haben und Pur, weil das Leistungsprinzip im Schwabenland schon immer funktioniert hat. Übertragen heißt das, dass man entweder wegen der gemeinsamen Firma zusammenbleibt, nebeneinander herlebt oder sich um die Kinder zu kümmern hat. Eine Band wie To Rococo Rot, die bald auf eine zehnjährige Geschichte zurückblicken kann, passt da nicht ins Bild.

Denn bei Stefan Schneider und Robert und Ronald Lippok gilt das Prinzip der offenen Beziehung. Da darf man untereinander auch mal ohne den Dritten. Darf alleine erwischt werden. Und man darf natürlich auch mit dem einen oder anderen. Oder man holt sich noch andere in die gemeinsame Dreierkiste. Egal. Hauptsache, die Kinder sind gesund. So stellen alle drei auch in anderen Kontexten ihre Fruchtbarkeit unter Beweis: Robert als Solokünstler, Ronald mit Bernd Jestram als Tarwater (Kitty Yo) und Stefan Schneider entweder als Mapstation (Staubgold) oder in wechselnden Konstellationen wie Music A.M. (Quatermass) oder Hauschka (Karaoke Kalk).TO ROCOCO ROTDiese Hippie-Attitüde korrespondiert mit dem Status, der To Rococo Rot seit ihrem ersten Album 1995 auf Kitty Yo zugeschrieben wird. Zusammen mit den Düsseldorfern Kreidler, deren Bassist damals Stefan Schneider war, wurden sie zu Protagonisten des elektronischen Kraut-Movements. Kraut als Ausdruck formeller Freiheiten wurde in ein elektronisches Bandkonzept übertragen. Nach den anonymen Techno-Helden betraten jetzt wieder Musiker die Bühne. 2004 ist die Kraut-Hysterie bereits Geschichte und To Rococo Rot nach drei Alben für City Slang und einer Architektur-Vertonung für Staubgold mit ihrem neuen Werk für Domino sind längst ihre eigene Szene. Nach dem strikten Formalismus von „Kölner Brett“ haben sich die Drei von jeglichen Fesseln befreit und sich in einem Pankower Bürogebäude wieder neu kennen gelernt. Entkoppelt und in intensivem Austausch mit ihren Geräten haben sie sich alles erlaubt. Sie rocken und sie knistern, sie denken nur an oder denken auch mal zu weit, sie probieren oder verlassen sich auf altbekannte Stärken. Und dass das alles so möglich ist, liegt vor allem an der Wolke von Freiheit, die seit den ersten gemeinsamen Aufnahmen für eine Ausstellung die als Projekt angelegte Band umgibt. Vielleicht sollte man sowieso viel mehr in Projekten denken. Auch wenn das, was gelebt wird, eher eine Band ist…
Aktuelles Album: Hotel Morgen (Domino/Rough Trade)

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