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DRIVE-BY TRUCKERS

„Ich glaube, wir haben gerade eine Platte gemacht!“

DRIVE-BY TRUCKERS

Zurück zu den Ursprüngen: Mit ihrem just veröffentlichten, inzwischen 14. Album lassen Drive-By Truckers den Blick zurückschweifen. Auf ´Welcome 2 Club XIII´ zeichnen die Heroen des modernen Südstaaten-Rock mit neun detailverliebt erzählten Story-Songs, die kraftvoll und leidenschaftlich von der ungebrochenen Liebe des Quintetts für Lynyrd Skynyrd und die Replacements zeugen, ihren Weg von den schwierigen Anfängen als Adam´s House Cat in halbleeren Läden wie dem titelgebenden Club XIII in Alabama zu einer der angesehensten Live-Bands ihrer Generation nach.

Schon vor zwei Jahrzehnten setzten sich Drive-By Truckers in ihrer beeindruckenden Album-Trilogie ´Southern Rock Opera´, ´Decoration Day´ und ´The Dirty South´ mit ihrer Südstaaten-Herkunft auseinander und legten mit dem kritischen Hinterfragen alter, überholter Traditionen und Denkweisen den Grundstein für ihre lange Karriere an der Schnittstelle von scharfer Gesellschaftskritik und persönlichen Erfahrungen. Auch die Idee, ein Album wie ´Welcome 2 Club XIII´ zu machen, spukte schon länger im Kopf von Patterson Hood herum, der gemeinsam mit Mike Cooley die Doppelspitze der Band bildet. Dann allerdings wurden plötzlich die brennenden Themen des Hier und Jetzt wichtiger, und deshalb widmete sich die fünf Herren auf ihren letzten drei Alben – ´American Band´, ´The Unraveling´ und ´The New OK´ – ganz den politischen Umwälzungen in den USA und den Auswirkungen der Pandemie, bevor sie nun auf der neuen Platte in leuchtenden Farben die schwierigen Anfänge als Musiker in den Honky-Tonk-Bars in Alabama und entlang der Staatsgrenze zu Tennessee schildert. Aus dem „Cotton State“ zu stammen, ist dabei für Hood Fluch und Segen zugleich. „Es gibt Dinge, die ich an meinem Heimatstaat und den Leuten dort liebe“, erklärt der Sänger, Gitarrist und Songschreiber beim Westzeit-Interview vor dem DBT-Konzert in Köln Anfang Juni. „Ich liebe meine Familie und ich bin stolz auf die Musik, die Literatur- und Kunsttraditionen im Süden, und es gibt Aspekte der ´southern personality´, die ich sehr schätze. Es gibt aber auch viele Probleme, zum Beispiel hat mein Heimatstaat mit über 60% für Trump gestimmt. Ich weise die Leute dann aber immer darauf hin, dass auch 40% gegen Trump gestimmt haben, und diese 40% sind von ihrem Standpunkt genau so überzeugt wie der Rest. Mit einem Anflug von Trotz war ich immer stolz darauf, ein liberaler Südstaatler zu sein, denn das bedeutet, dass man bereit sein muss, zu kämpfen und seinen Standpunkt zu vertreten, weil man in der Minderheit ist und nicht einfach mit dem Strom schwimmen kann. Inzwischen lebe ich nicht mehr im Süden, und durch die Entfernung habe ich inzwischen ein positiveres Bild. Wenn ich jetzt dorthin zurückkehre, bin ich einfach nur froh, alle zu sehen, ohne mich mit dem alltäglichen Blödsinn auseinandersetzen zu müssen, der mich die Wände hat hochgehen lassen, als ich noch dort gelebt habe.“



Das neue, mit Gastbeiträgen von Margo Price, Mike Mills (R.E.M.) und der in Mississippi aufgewachsenen Singer/Songwriterin Schaefer Llana veredelte Album hat die Band gemeinsam mit Langzeit-Kollaborateur David Barbe am Produzenten-Pult innerhalb kürzester Zeit live im Studio eingespielt – und das, obwohl niemand die Absicht hatte, eine Platte aufzunehmen. Ursprünglich hatten sich Hood, Cooley und ihre Mitstreiter Brad Morgan am Schlagzeug, Matt Patton am Bass und Jay Gonzalez an den Tasten nur im Studio getroffen, um nach der durch COVD-19 erzwungenen Pause endlich wieder zusammenzukommen. „Wir hatten uns seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen, aber wir dachten, anstatt Songs zu proben, die wir schon tausendmal gespielt haben, machen wir lieber Demos der neuen Lieder, um zu sehen, wo wir stehen“, erinnert sich Hood. „Nach drei Tagen schauten wir uns an und sagten: ´Ich glaube, wir haben gerade eine Platte gemacht!´ Wir wussten: Wir wollen nicht in einem Jahr zurückkommen und diese Songs noch einmal aufnehmen. Uns gefiel, was wir uns da aus dem Ärmel geschüttelt hatten, alles fühlte sich sehr spontan, sehr aktuell an, und das gefiel mir. Nachdem wir anderthalb Jahre eingesperrt waren, wirkte das Ganze geradezu kathartisch. Wir hatten das Gefühl, dass wir etwas festgehalten hatten und das einfach veröffentlichen sollten.“



Zwar vergessen Drive-By Truckers nicht, mit Songs wie dem klaustrophobisch anmutenden Sieben-Minuten-Opener ´The Driver´ auch neue Pfade zu beschreiten, und gebieten so den sich hier und da einschleichenden Anflügen von Routine Einhalt. Trotzdem ist unüberhörbar, dass es inhaltlich wie klanglich in der Zeit zurück geht. Dass ´Welcome 2 Club XIII´ deshalb nostalgisch ist, will Hood aber nicht gelten lassen. „Ich verstehe, warum die Leute das sagen, aber für mich fühlt es sich nicht unbedingt so an“, sagt er bestimmt. „Es klingt für mich nicht wirklich nostalgisch, sondern eher wie eine Art Abrechnung mit den Dingen, die man tut, wenn man jung ist. Es geht um die Dinge, die dafür sorgen, dass es Spaß macht, jung zu sein, die dir das Gefühl geben, lebendig zu sein, die dich aber auch umbringen können. In gewisser Weise ist das meine Sichtweise als Vater. Du möchtest, dass deine Kinder sich lebendig fühlen und Spaß haben, aber du willst auch, dass sie ihre Jugend überleben. In gewisser Weise handeln die Songs auch davon, und deshalb ist die Platte für mich nicht so sehr nostalgisch.“



Tatsächlich haben viele alte Wegbegleiter aus den frühen Tagen der Drive-By Truckers die Kurve nicht gekriegt, deshalb betrachtet Hood die Band als den entscheidenden Faktor, der ihn, Cooley und ihre Mitstreiter bei der Stange gehalten hat. „Dass die Band eine solch große Rolle in unser aller Leben spielt, hat uns sicherlich geholfen, weil wir es nie so weit kommen lassen wollten, dass wir die Shows vermasseln oder die ganze Band in die Binsen geht“, ist er überzeugt. „Ich hoffe, diese Erkenntnis auch an meine Kinder weitergeben zu können: Man muss etwas haben, wofür man Leidenschaft empfindet. Das ist es, was hilft in dieser verrückten Welt!“



Aktuelles Album: Welcome 2 Club XIII (ATO/PIAS/Rough Trade) VÖ 24.06.


Weitere Infos: › www.drivebytruckers.com Foto: Brantley Guitierrez

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