
Nachdem bereits im letzten Jahr das Berliner Pop-Kultur Festival von zuvor drei Tagen auf eine ganze Woche (und das ganze Stadtgebiet) ausgedehnt worden war, wurde dieses letztlich erfolgreiche Konzept auch in diesem Jahr wieder implementiert – sogar ergänzt um einen zusätzlichen Tag, an dem noch zwei Commissioned Works zu bestaunen waren (eine Kollaboration der georgischen Musikerin Anushka Chkheidze und dem deutschen Musiker Robert Lippok und eine Uraufführung des Projektes „Sonnenuhr“ des isländischen Projektes múm). Diese Veranstaltung war dann allerdings nicht mehr im Ticketpreis enthalten.
Von l.o. nach r.u.: Nina Chrisante (Bar Italia), Lucy Kruger, Engin Devekiran (Angin), Blake Haley, Nils Svenja Thomas (Treibgut), Anna Francesca (Beaks)Ansonsten aber hatte sich (wie bereits im letzten Jahr) die Trennung des Wort/Vortrags/Talk-Programmes am Montag und Dienstag von den Musikdarbietungen von Mittwoch bis Samstag/Sonntag bestens bewährt. Die Entzerrung an mehreren Spielstätten (Silent Green, Festsaal Kreuzberg, Kulturbrauerei und Pierre Boulez Saal) bedeutete dann einerseits eine Ausweitung des musikalischen Angebotes und andererseits die Möglichkeit, den vom Festival bekannten FOMO-Effekt etwas gesitteter in den Griff bekommen zu können. Dennoch sind Durchhaltevermögen und eine intensive Feinplanung sicherlich die wichtigsten Voraussetzungen um das Pop-Kultur-Festival in vollem Umfang genießen zu können. Eine Sache fiel dieses Jahr sogleich auf – nämlich dass das kostenfreie Rahmenprogramm (= die Konzerte im Festsaal Kreuzberg und jene der Nachwuchsförderung und Residencies im Frannz Garten) inzwischen eine unverzichtbare und hochqualitative Möglichkeit für Künstler jenseits des etablierten Mainstreams darstellen, sich zu präsentieren. Besonders spannend war dabei etwa auch das breit gefächerte stilistische Angebot. Während etwa am offiziellen musikalischen Eröffnungsabend im Silent Green Kulturzentrum mit Avalon Emerson & The Charm und Bar Italia gleich zwei Indie-Größen auf dem Spielplan standen, die man auch nicht so oft auf Festivals zu Gesicht bekommt, waren es die Commissioned Works von Fee Aviv Dubois, Ralph Heidel, Izzy Ment, Shanice Ruby Bennett, Andi Haberl auf der einen Seite und die mystische Installations-Show der Instagram-Künsterinnen VÍZ und Tekla Valy die die eigentlichen Überraschungen darstellten. Überraschend und bunt gewürfelt ging es dann auch mit den Musikshows im Rahmen des Labelmarktes im Festsaal Kreuzberg weiter. Hier folgten – beispielsweise – gechillter R'n'B Pop von S. Fidelity, auf Liedermacher-Folk von Oska Wild (der übrigens mit einer hemdsärmelig charmanten Version von „I Will Always Love You“ als erster auf den Tod von Dolly Parton ging), Schlagerpop von Maryam.fyi, auf sympathische Weise dezidiert unfunky ausgelebter Big Band Soul von Toshin und Gitarren-loser Darkwave Pop von Blake Harley. Ohne Frage: Berlin hat schon was zu bieten, was Nachwuchs angeht. Das setzte sich dann ab Freitag im Frannz Garten munter fort: Hier setzten dann das Punk-Duo Treibgut, die Indie-Folkpopperin Deer Anna mit ihrer Band oder die Crossover-Pop-Elevin Yale unterhaltsame Ausrufezeichen, bevor es dann langsam mit dem „richtigen“ Musikprogramm los ging. Im Frannz Club etwa zeigte die Omnichord-Folkerin Lael Neale, dass sie auf der Bühne keineswegs so puristisch agiert, wie auf den Tonträgern und zusammen mit ihrem Gitarristen ganz schön einzuheizen wusste. Im Maschinenhaus zeigte das Trio An Experiment On A Bird In The Air Pump, wo heutzutage die Harke auf dem Noise Postpunkt Gebiet hängt. In der traditionell eher schüchtern ausgeleuchteten Alten Kantine huschte derweil Tove Agilii a.k.a. Toxe mit einem hypnotischen Mix aus Dream- und Kook-Pop sowie stylischer Elektronika (ganz ohne Instrumente) durch die Schatten. Während im Panda Performa Club noch die Rapperin Satarii auf Bad Bitch Empowerment Kurs war, bewegte sich das Pariser Duo Potochkine im Maschinenhaus auf einem groove-orientierten stylischen Coldwave-Club-Teppich, der die Leute tatsächlich zum Tanzen brachte. Anschließend versuchten Izzy Gaudinii und Halle Saxon vom Trio Automatic deutlich zu machen, dass der Abgang der ursprünglichen Drummerin Lola Dompé wohl künstlerische Gründe gehabt hatte. In der Pandemie-Edition des Festivals hatte Automatic noch im größeren Kesselhaus gespielt. Während die Idee, sie dieses Mal im Maschinenhaus auftreten zu lassen musikalisch durchaus Sinn machte (weil sich der Sound des Trios in kleineren Clubs einfach besser entfaltet) war das logistisch keine so gute Idee, denn aufgrund des Andrangs gab es schließlich einen Einlass-Stop – mit langen Warteschlangen. Der letzte Festival-Tag beginnt traditionellerweise mit Co-Creation-Residency-Acts, bei denen Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen mit in Berlin ansässigen Musikern gemeinsame Projekt realisieren. So etwa Anabel Rose & Joy Frempong (Accra/Berlin) mit Afro-Pop oder Yael Dagon & Àbáse (Tel Aviv/Berlin), die mit einem hinreißendem Mix aus organischer Folklore (mit elektrisch verstärkten folkloristischen Instrumenten) und elektronischen Arrangements zu überzeugen wussten. Dann ging es langsam los mit Verspätungen: Akryl etwa kam erst 15 Minuten nach dem geplanten Einlass in der Alten Kantine an um dort – vor vollem Haus und mit Band - ihre ansprechenden, songorientierten Deutschpop-Songs vorzutragen. Anna Bottega führte im Maschinenhaus in Fortführung ihre Band-Projektes Ménades dann ein klassisches Commissioned Work namens „CANTATA“ auf, bei dem es um weibliche Selbst- und Fremdwahrnehmung, Empowerment und Religion ging. Das war dann eher Performance als Musikprogramm – aber dafür sind Commissioned Works ja da. Alle die sich gefragt haben mochten, wieso Lucy Kruger & The Lost Boys ihr Commissioned Work „Animal / Symbol“ nur ein Mal (und nicht wie oft üblich 3 Mal) aufführten, die wurden durch die Bühnendekoration im Palais belehrt. Dort präsentierten Lucy und ihre Berliner MusikerInnen ihr Programm in weiße Gewänder gehüllt nämlich vor einer ebenfalls weißem Projektionsfläche, auf die Lucy zum einen mittels eines Projektors Schattenrisse projizierte – hinter der sie dann allerdings auch selber verschwand und ihrerseits als menschlicher Schattenriss agierte, der durch eine Art angedeutete Märchenwald geisterte. Da sich der Aufbau für das aktuelle Discovery Zone Projekt der zwischen Berlin und New York pendelnden Science Fiction Pop-Künstlerin JJ Weihl sich noch etwas hinzog, bestand noch die Möglichkeit, den Auftritt von Nalan (Şeyma Karacagil) mit ihrer Band zu begutachten, der aufgrund der ungefilterten und unpolierten Lebensfreude der Künstlerin sicherlich zu einem der Highlights des Tages gehörte. Denn die Songs etwa ihres letzten Albums „2009“ überraschen stets durch eine Mischung aus klassischen Songstrukturen und unerwarteten, aber nicht unwillkommenen, spannenden Spielereien. Inzwischen war auch die Installation des aufwendigen 3D-Screen-Backdrops für das Discovery Zone. 2011 hatte JJ bereits mit ihrem Projekt „Cybernetica“ auf der Bühne des Maschinenhauses gestanden. Im Palais ging es nun allerdings wesentlich weniger verkopft als damals zu. Im Zentrum standen JJ's oft erstaunlich offensichtlich auf Dreampop gepolte Songs, die in Kombination mit den Space-Age-Projektionen oft eine hypnotische Qualität entwickelten. Im Maschinenhaus zeigte derweil die österreichische Musikerin Anna Francesca mit ihrem Projekt Beaks, wie man auch heutzutage noch Hippie- und Beatnik-Flair – zwar in einem hypermodernen Indie-Pop-Setting – anschaulich und glaubwürdig verkörpern kann, Mag sein, dass die schlaksige Künstlerin ihre Performance-Künste erst über ihre Model-Erfahrungen geschärft hat – aber so obercool und lässig wie Beaks bringen ansonsten nur wenige KollegInnen ihre Attitüde glaubwürdig rüber. Und sie scheint dabei jede Menge Spaß zu haben, denn immer wieder gleitet ihr ein breites Grinsen über das Gesicht. Für einen dann etwas erdigeren und bodenständigen Abschluss im Palais sorgten zu später Stunde dann nach Mitternacht noch Engin Devekiran und seine Band Engin. Die Mannheimer spielten eine druckvolle No-Nonsense Show in Sachen Deutschpop (teil auch Deutsch-Rock) mit Türk-Flair, der selbst zu dieser Zeit die Fans zum Mistsingen, -tanzen und -machen bewegen konnte. Fazit: Auch in diesem Jahr bot das Musikprogramm des Pop-Kultur-Festivals (auf das wir uns ja aus Kapazitätsgründen beschränken müssen) wieder einen kunterbunten Überblick über so ziemlich alles, was das Musikbiz jenseits des Mainstream zu bieten hat. Berührungsängste, Sparten- oder gar Dünkeldenken gibt es hier schlicht nicht. Das ist das, was das Pop-Kultur Festival von Konkurrenzveranstaltungen jeglicher Art dann auch abhebt. Freilich: Noch mehr sollte dann in Zukunft besser nicht angeboten werden, denn so, wie das Ganze jetzt läuft, ist es genau richtig.
Weitere Infos: https://www.pop-kultur.berlin/

