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Doppelleben. Bildende Künstler*innen machen Musik

Bundeskunsthalle Bonn



Bildende Künstler*innen überschreiten die Gattungsgrenze zur Musik. Marcel Duchamp, der Futurist Luigi Russolo oder der Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy haben es getan. Ihnen folgten Künstler wie John Cage, Captain Beefheart und Alan Vega, Yves Klein, Hermann Nitsch oder Albert Oehlen und Carsten Nicolai. Sie und viele andere Künstler*innen und Kollektive verbindet das Bedürfnis, nicht allein bildnerisch zu arbeiten, sondern auch musikalisch aktiv zu sein. Die Ausstellung „Doppelleben“ in der Bundeskunsthalle in Bonn verfolgt diese Entwicklung durch das gesamte 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Abb. oben:
Links: Captain Beefheart and His Magic Band, Cannes, Strand gegenüber vom Hotel Martinez, 2. Midem Pop Festival, 1968
Rechts: Suicide, Universal Amphitheater, Los Angeles, 4.9.1979

Abb. unten:
Links: Hotel Morphilia Orchestra, Dead in the Head, 1978
Rechts: Heimo Zobernig. AVOIDANCE im Studio, Sommer 1992
Hinten Mitte: Die Tödliche Doris, Unser Debüt, NDR Video-Nacht, 10.8.1985
Alle Fotos: Laurin Schmid, 2020

Die Entscheidung für die Musik bedeutet für bildende Künstler*innen oft mehr als nur einen Medienwechsel. Bühnenauftritte und die Produktion von Musik bringen andere Arbeitsbedingungen, Techniken sowie ein anderes Publikum mit sich. In diesem Sinne lässt sich der Ausstellungstitel „Doppelleben“ verstehen, der einem Buch Jörg Heisers entlehnt ist. Heiser, der selbst Grenzgänger zwischen den Terrains von bildender Kunst und Musik ist, versucht den Kontextwechsel als Strategie zu erklären, auftretende Widersprüche im jeweilig anderen Gebiet aufzulösen. Tatsächlich kann die Weise, wie einzelne Künstler*innen die beiden Bereiche auseinanderhalten oder verschränken, aber sehr unterschiedlich sein, genauso wie ihre musikalischen Ausdrucksmittel.


Der Fokus der Ausstellung „Doppelleben“ liegt auf der Wechselwirkung zwischen bildnerischen Praktiken und musikalischen Unternehmungen. Statt als isoliert nebeneinanderstehende Aktionsfelder sollen die „untergründigen, rhizomatischen Verbindungen“ (Christian Höller) aufgezeigt werden. Dahinter steckt die Beobachtung, dass es nicht ausreicht, die Grenzüberschreitung als mediale Transformationen zu beschreiben, die ein Motiv oder eine Idee mit anderen Mitteln auf neuem Terrain reproduziert. Der Blick zurück auf die Geschichte der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts offenbart, wie bildende Künstler*innen durch Ihr Wirken im fremden Revier entscheidende Impulse gegeben und dort neue Wege gebahnt haben. Als Außenseiter*innen und oft sogar Dilettant*innen gehen bildende Künstlerinnen und Künstler auf fremden Terrain eher unverfroren und radikal vor, weil sie weniger von den Traditionen und Regeln belastet sind. Die Beispiele sind vielfältig: Marcel Duchamp generierte seine Komposition „Erratum Musical“ mit Hilfe des Zufalls, eine bahnbrechende Neuerung im Jahr 1913. Im selben Jahr erweitert der italienische Futurist Luigi Russolo mit seinen Geräuscherzeugern, den „Intonarumori“, das Klangspektrums in radikalere Bahnen, als es Musiker*innen bis dahin gewagt hatten. 1923 entwickelte László Moholy-Nagy die Idee direkter Klangerzeugung und Komposition mittels Ritzen von Rillen auf Schallplatten – ein theoretisches Konzept, das vorwegnahm, was in der Musik ab den 1970er-Jahre zur „Scratching“-Methode weiterentwickelt wurde. Inzwischen hat die bildende Kunst selbst vielfach Eigenschaften angenommen, die der Musik von vornherein innewohnen. Dazu gehören die performative Herangehensweise, ebenso wie verschiedene Formen der Zusammenarbeit oder kollektiven Autorenschaft, aber auch das neue Verständnis der Kunstproduktion wie -rezeption als Formen gemeinschaftlicher Erfahrung und sozialer Kommunikation. Das situative Erleben, das Verhältnis und der Kontakt zum Publikum wird zum Teil der Kunsterfahrung, ganz wie bei öffentlichen Musikaufführungen. Da liegt es nahe, dass sich bildende Künstler*innen verstärkt der Musik zuwenden. Gerhard Rühm, Yves Klein, Hermann Nitsch und Phill Niblock haben im Feld der reduktiven Musik, dem späteren Minimal und der Drone Music, wichtige Beiträge geliefert oder sogar eine Vorreiterrolle gespielt. Ab den späten 1970er-Jahren formierten sich Bands, die ausschließlich aus bildenden Künstler*innen zusammensetzten. Mit bewussten Regelbrüchen in Genres wie Jazz oder Rock waren sie Wegbereiterinnen und Wegbegleiter für die Bad-Strategien von Punk und „Dilettanten“-Musik. Auch im vielfältigen und divergenten Spektrum des aktuellen Musikschaffens spielen die Ansätze aus der „Kunst-Szene“ eine nicht zu unterschätzende Rolle. Doppelleben stellt ausschließlich „Musik aus“ und zwar in Form von groß projizierten Videos, die Auftritte der Künstlerinnen und Künstler oder Aufführungen der von ihnen geschriebenen Musik zeigen, wobei der Ton über Kopfhörer bereitgestellt wird. Auf diese Weise wird der großen Bedeutung der von den Protagonistinnen und Protagonisten jeweils unterschiedlich inszenierten Performance-Situationen Rechnung getragen und gleichzeitig den Rezipient*innen ein Gefühl des Live-Dabei-Seins vermittelt. Informationen zum bildnerischen Werk der Künstlerinnen und Künstler sowie weitführende Angaben zu ihrem musikalischen Schaffen und dessen Kontext bietet der umfangreiche Online Katalog. Er kann vor Ort über das private Handy eingesehen werden und ist auch unabhängig vom Ausstellungsbesuch im Netz zugänglich (doppelleben-katalog.de). Doppelleben. Bildende Künstler*innen machen Musik 23. Juni bis 18. Oktober 2020 Kunst- und Ausstellungshalle der BRD Museumsmeile Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4



August 2020
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