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ORLA GARTLAND

Die Zauberin von Oz

ORLA GARTLAND

Die in London ansässige irische Songwriterin Orla Gartland gehört zweifelsohne zu jener Spezies von jungen Musiker(inne)n, die dem Internet viel zu verdanken haben – denn immerhin hat sie seit 2013 über YouTube und Spotify ihre Popularität erlangt und kann sich heutzutage über 55 Millionen Streams und 750000 Spotify Abonnenten freuen. Da liegt es nahe, zu vermuten, dass sich der Titel ihres nun endlich vorliegenden, lange erwarteten Debüt-Albums, „Woman On The Internet“, genau auf dieses Phänomen bezieht. Dass dem nicht so ist und dass Orla in ihren stilistisch recht vielseitig aufbereiteten Gitarren-Pop-Songs einer Vielzahl von interessanten Themen widmet, die sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, spricht für ihr Geschick als versierte Songwriterin, das sie sich in ihrer langen „Lehrzeit“ - auch als Live-Performerin und neuerdings als Produzentin – angeeignet hat.

„Ja, Anfang letzten Jahres produzierte ich zusammen mit meinem Freund Tom Stafford die EP 'Freckle Season' – und wir hatten dieses Gefühl, dass sie eigentlich länger sein sollte“, erinnert sich Orla, „und da wusste ich dann, dass ich bereit wäre, eine LP anzugehen – nachdem ansonsten alles geregelt war."

Und dabei begann Orla sich selbst für die technischen Aspekte ihres Tuns zu interessieren, oder?

"Ja, denn ich schätzte sehr die Autonomie, die ich so über meine Projekte habe, wenn ich alles selber aufnehmen und einspielen kann“, erklärt Orla, „denn das ist dann eine sehr ungefilterte Version meiner selbst, die zwar mehr Arbeit macht, die aber auch sehr befriedigend ist. Kurz gesagt: Ich hatte Blut geleckt. Man lernt es auch, sich selbst zu vertrauen – einfach weil man zum Beispiel weiß was Hall und Kompression sind. Ich würde allen Musikern, die mit dem Gedanken spielen, sich an einen Produzenten zu wenden, raten, sich in dieser Hinsicht dennoch zumindest einen grundlegenden Werkzeugkasten zuzulegen, denn es ist einfach besser zu wissen, was auf der technischen Ebene passiert."

Orla begann ihre Laufbahn musikalisch in einem klassischen Folk-Pop-Setting – was ihr allerdings irgendwann einfach nicht mehr genügte. Die letzte EP und das Album sind deutlich poppiger und universeller ausgerichtet. Der Kerngedanke scheint gewesen zu sein, das Ganze möglichst organisch zu halten.

„Absolut“, bestätigt Orla, „denn am Ende ist es ziemlich einfach, sich produktionstechnisch zu verrennen (besonders wenn viele Leute beteiligt sind) – aber am Ende brauche ich immer Songs, die ich auch alleine auf der Gitarre spielen kann. Songs, die nicht auf Synthies oder Drums oder sonst was als Krücke angewiesen sind. Das bedeutet dann auch, dass ich verschiedene Phasen durchlaufen kann – wie St. Vincent oder Imogen Heap. Ich kann also eine Gitarrenplatte machen – und als nächstes vielleicht eine mit Piano-Songs und dann eines nur mit Streichern und Gesang. Sich selbst etwas als Kernelement zu verschreiben – wie eben der Gitarre – bedeutet, dass Du Dir in Zukunft alle Möglichkeiten offen hältst. Besonders für mein Debüt-Album hat es aber Sinn gemacht, mich auch auf mein vertrautes Instrument zu verlassen."

Kommen wir mal zum Thema der Scheibe. Die Frau im Internet, die Orla da besingt, ist nicht notwendigerweise sie selbst – heißt es in ihrer aktuellen Bio. Aber ist nicht gerade Orla Gartland eine Künstlerin, die eben über das Internet zu ihrer Berufung gefunden hat?

"Ja, das ist sehr richtig“, pflichtet sie bei, „ich kam ja ursprünglich über YouTube und ich finde auch immer noch, dass das ein gutes Werkzeug ist. Aber das ist nicht die Frau im Internet, die ich meine. Es geht dabei nicht um einen spezifischen Charakter. Sie ist ein wenig wie die Zauberin von Oz, die in ein paar Songs auftritt und an die ich mich wende, wenn ich mich ein wenig verloren fühle. Deswegen geht es auf dem Album auch viel darum, sich verloren zu fühlen, zu sich selbst zu finden und aufzuwachsen. Mir ist aber schon klar, dass die Leute denken, dass ich über mich selbst singe – und das ist auch OK."

Dabei steht zu vermuten, dass Orla selbst dann wie die Frau hinter dem Vorhang agiert, die mit ihrem Instrumentarium die Illusion der Zauberin von Oz aufrecht erhält. Vielleicht war es ja ganz gut, dass sich Orla so lange Zeit ließ, bis sie sich an ihr Debüt-Album wagte, denn dieses kommt sowohl in musikalischer, wie auch in inhaltlicher Hinsicht als sehr schlüssige und runde Sache daher.

Aktuelles Album: Woman On The Internet (New Friends / The Orchard)

Foto: Karina Barberis

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