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LIZ COOPER

Schock-Faktor zum Hinsehen

LIZ COOPER

Der Grund, warum der Name Liz Cooper in unseren Breiten bislang eher unter dem Radar zu finden ist – obwohl die Musikerin seit mindestens 2014 von ihrer Wahlheimat Nashville aus musikalisch tätig ist, bislang eine Studio-EP, vier (!) Live-EPs und 2018 die Debüt-LP „Window Flowers“ veröffentlichte, bevor sie sich kurz vor der Pandemie dazu entschloss, nach New York umzuziehen, ihren Bandnamen fallen zu lassen und ihre nun vorliegende, zweite LP „Hot Sass“ im ländlichen Vermont einzuspielen - ist schlicht und ergreifend darin zu sehen, dass sie (bis auf einen privaten Aufenthalt in Irland) bislang eben ausschließlich in den USA tätig war.

Auch wenn wir nun immer noch darauf warten müssen, bis internationaler Tour-Tourismus wieder möglich sein wird, legt Liz Cooper mit „Hot Sass“ beredtes Zeugnis davon ab, was heutzutage in Sachen lebendiger, kaleidoskopartig aufgefächerter, stilistisch vollkommen unberechenbarer, psychedelischer Rockmusik noch möglich ist.

Bislang agierte Liz Cooper im Trio-Format mit wechselnder Besetzung unter dem Namen Liz Cooper & The Stampede. Wegen der Country-Assoziationen mit diesem Namen ließ sie diesen für ihr neues Album „Hot Sass“ nun weg und zog von ihrer Wahlheimat Nashville nach New York.

"Ich brauchte mal einen Tapetenwechsel“, berichtet Liz, „es gab da in Nashville langsam eine Decke, an die ich in Bezug auf meine persönlichen Ziele gestoßen war. Ich mag Nashville, verbrachte meine prägenden Jahre dort und betrachte es auch immer noch als meine Heimat, aber war bereit für etwas Neues und eine Herausforderung. Diese fand ich dann eben in New York. Ich wollte schon als Kind immer mal dort hinziehen. Als sich dann die Chance ergab, in ein Apartment zu ziehen, ergriff ich diese, denn ich hatte ja immerhin 9 Jahre in Nashville verbracht. Nashville ist auch nicht mehr dieselbe Stadt, die sie war als ich dort hingezogen bin. Ich denke, das gilt für jede Stadt. Die Leute ziehen um, alles wird recycelt, alles wächst. Ich bin froh, dass ich mich unmittelbar vor der Pandemie zu diesem Schritt entschlossen habe. Das war ein perfektes Timing."

Interessanterweise wurde die neue Scheibe aber nicht in New York aufgenommen, sondern in Burlington, Vermont eingespielt – und zwar in dem Studio Little Jamaica des Produzenten Benny Yurco, der sich in Indie-Kreisen einen Namen als Musiker in Projekten wie Grace Potter & The Nocturnals, mit seinen Solo-Projekten oder als Produzent für Acts wie Michael Nau gemacht hat.

"Burlington ist für mich irgendwie auch immer eine Heimat gewesen“, erzählt Liz, „ich weiß gar nicht wann und wie das passiert ist, aber es ist einer dieser seltsamen Orte, zu dem ich immer eine Verbindung gespürt habe. Irgendwie bin ich immer wieder dort gelandet und habe viele interessante Leute getroffen. Vor einem Jahr habe ich dort auch eine Verbindung zu Benny Yurco aufgenommen. Er und sein Studio haben mich immer schon inspiriert. Insbesondere seine Sicht auf die Musik und wie er diese vermittelte fühlte sich für mich einfach richtig an. Ich brauchte gar nicht großartig darüber nachzudenken, als es darum ging, wo und wie ich meine neue Musik aufnehmen wollte – das war immer mit Benny in seinem Studio."

Was ist denn das besondere an diesem Setting?

"Sein Studio ist eigentlich das Ein-Zimmer-Apartment, in dem Benny wohnt“, führt Liz aus, „das Drum-Kit steht dann etwa in seinem Schlafzimmer. Das ist insofern interessant, als das mein Bassist Joe Bisirri und ich im Wohnzimmer waren und Ryan Usher dann gar nicht sehen konnten. Es ging dann darum, zu hören und zu fühlen. Wir haben den Gesang, die Gitarren, den Bass und die Drums dann live zusammen aufgenommen. Nur der Rest wurde dann später hinzugefügt. Es war also alles so live wie möglich und wir haben auch nur wenige Takes aufgenommen, denn das ist die Art, in der Benny arbeitet."

Das erklärt dann vielleicht auch, dass die Songs zuweilen epische Ausnahme annehmen. So gibt es mehrere 5 Minuten-Tracks und „Lucky Charme“ kratzt gar an der 9 Minuten-Marke.

"Nun das hängt damit zusammen, dass wir die Songs geschrieben haben, während wir sie einspielten“, erklärt Liz, „es gab sicher dann auch viele improvisatorische Elemente. Aber wir haben auch viel Zeit damit verbracht, die Songs so kompakt wie möglich zu machen. Wir haben zwar einiges improvisiert aber im Wesentlichen wussten wir genau, wie etwas klingen sollte, wo etwas lauter oder leiser werden müsste und wie die Dynamik sein musste. Es ging immer um den Dienst am Song. Es ging darum, den Song so gut wie möglich zu machen. Was ich nicht wollte. waren Jam Sessions wie sie sich üblicherweise bei Live-Shows entwickeln. Alles, was wir also gemacht haben, war dezidiert so gewollt."

Worum geht es Liz denn auf der musikalischen Seite – wenn sie nicht an einem bestimmten Stil interessiert ist. Geht es dabei einzig um das Bauchgefühl?

"Ein Bauchgefühl?“, fragt sie nach, „ja, ich denke schon. Ich nehme mein Bauchgefühl schon sehr ernst. Ich bin musikalisch sehr vielseitig interessiert. Wenn ich einen Song höre, den ich mag, dann hat dieser etwas, was sich einfach gut anfühlt. Das kann dann alles sein und ist nicht weiter definierbar. Natürlich ist nicht alle Musik so tiefgründig – aber wenn ich eine Verbindung dazu aufbauen kann, dann beschäftige ich mich auch intensiver damit. Ansonsten ist es einfach ein Gefühl, das kommt und geht."

Kunst muss für Liz aber schon ein wenig größer als das Leben sein, oder?

"Ja, denn das ist es doch, was das Leben dann auch interessant macht, oder nicht? Kunst und Musik müssen größer als das Leben sein."

Liz ist nicht nur als Musikerin aktiv, sondern verfügt über eine Menge Fähigkeiten, sich kreativ auszudrücken.

"Ich male und zeichne auch gerne und ich mag es überhaupt, mich visuell auszudrücken“, führt Liz aus, „das inspiriert mich und macht mich glücklich. Alleine der Umstand in New York zu leben und all die Straßenkunst, all diese Künstler und alle diese Museen, die man in Reichweite hat sind schon inspirierend. Gelegentlich spiele ich auch einfach gerne Klavier. Ich habe ein Klavier in meinem Apartment. Ich mag es auch, mir Filme anzuschauen und selbst zu schauspielern. Das möchte ich in Zukunft auch noch intensivieren. Ich denke einfach, dass es mir Spaß macht, Dinge aufzuführen. Sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und irgend etwas mit Schock-Faktor zu machen, dass die Leute zum Hinschauen bewegt, ist spannend für mich. Ich mag es auch, alles, was mir über Künstler in die Hände fällt zu lesen und aufzusaugen."

Wie wichtig ist denn dabei der Humor-Faktor?

"Also ich denke, dass ich mich nicht allzu ernst nehme“, überlegt Liz, „ich bin einfach so. Ich habe eine Art von schwarzem Humor und ich denke auch, dass ich mich mit Leuten umgebe, die auch solche Neigungen haben. Das ist nichts, was ich bewusst mache – das ist einfach so."

Liz legt keinen gesteigerten Weg darauf, in ihren Songs Geschichten zu erzählen, sondern reiht in ihren Lyrics Szenen und Bilder auf assoziative Weise mit einer Art Darkside-Poesie aneinander.

"Die Dinge, über die ich schreibe sind sehr persönlich“, verrät sie, „ich beobachte oder erfahre etwas und denke dann nicht darüber nach, wie das genau formuliert werden müsste. Wie mein Hirn die Sachen konfiguriert ist auch für mich ein Rätsel. Ich weiß dann einfach, wenn etwas richtig und wenn etwas falsch ist und wie ich mich dadurch bewegen muss. Eine Erklärung dafür, wie und wann das Ganze funktioniert, habe ich aber auch nicht. Es kommt dann immer auf die Situation an. Ich glaube auch, dass es bei den nächsten Songs komplett anders sein wird."

Schauen wir mal, wie sich das Ganze weiter entwickelt. Ein großes Ziel für Liz wäre es sicherlich, auch ein Mal außerhalb der USA live spielen zu können, denn sie meint, dass sie davon langsam die Schnauze voll habe. Freilich ist da ja die Pandemie vor. Bis es also möglich ist, dass US-Musiker wieder bei uns auf Tour gehen können, müssen wir uns eben mit dem Album „Hot Sass“ begnügen – oder ein Mal ihre vier Live-EPs auf bandcamp antesten.

Aktuelles Album: Hot Sass (Sleepyhead / Thirty Tigers) VÖ: 03.09.

Foto: Cara Merendino

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