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JAPANESE BREAKFAST

Die Befreiung des Jubiläums

JAPANESE BREAKFAST

Es gibt ja kluge Leute, die behaupten, dass Autoren, Poeten und sicherlich demzufolge auch Songwriter eigentlich immer nur je eine Geschichte in sich tragen (oder zumindest eine, die sie in besonderer Weise präge), die sie dann in immer wieder anderen Varianten zum Besten gäben. Im Falle von Michelle Zauner, die seit 2016 unter dem Pseudonym Japanese Breakfast agiert muss das zweifelsohne die Beziehung zu und der Krebstod ihrer Mutter und dessen Folgen gewesen sein, den sie auf den bisherigen beiden Scheiben „Psychopomp“ und „Soft Songs From Another Planet“ zum zentralen Thema machte.

Während Michelle anlässlich der Veröffentlichung des nunmehr dritten Japanese Breakfast Albums „Jubilee“ freimütig einräumt, zwar immer noch an diesem Thema herumknabbere – auch in dem Sinn, dass man den Tod einer geliebten Person nicht wirklich „verarbeiten“ oder „überwinden“ kann, wollte sich dann aber doch zumindest musikalisch mit einer anderen Attitüde an das Thema heranmachen. Denn während Japanese Breakfast bislang für experimentellen, zuweilen sperrigen Indie-Pop mit Elektronika- und Club-Elementen steht, öffnet sich Michelle auf „Jubilee“ mehr oder minder hemmungslos der hymnisch/schwelgerischen Pop-Musik.
Da es ja eigentlich kein Jubiläum zu feiern gibt, hätte sie die Scheibe aufgrund des zelebratorischen und fast schon überbordend lebensbejahenden Charakters zumindest der Musik doch eigentlich auch „Celebration“ nennen können. Warum hat sie sich hingegen für den Titel „Jubilee“ entschieden?

„Na ja – ein Jubiläum ist doch irgendwie auch eine Art von Feier“, meint Michelle, „ich weiß gar nicht so recht, wo da der Unterschied ist. Aber ich denke, ich mochte einfach das Wort. Und in der Bibel ist das Jubiläum das Jahr, in dem Sklaven freigelassen werden und der Ablass gewährt wird – und für mich deutete alles in diese Richtung der Befreiung. Und außerdem ist 'Jubilee' ein Charakter von den X-Men, den ich mag."

Die neue Scheibe wurde ja bereits vor der Pandemie aufgenommen. Was hat Michelle denn in der Pandemie gemacht?

„Ich habe mein Buch 'Crying In H Mart' überarbeitet“, berichtet Michelle – wobei es sich um ihre gerade veröffentlichte Erinnerungen handelt, in denen sie erneut die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter und ihre Koreanische Abstammung thematisiert. „Daran arbeitete ich bis ungefähr Juli. Ab dem Herbst habe ich dann an einem Soundtrack für das Video-Spiel 'Sable' gearbeitet. Dabei geht es um zwei Stunden hauptsächlich instrumentaler Musik. Das brauchte dann eine gewisse Zeit. Ab dem Winter begann ich dann, an den Musikvideos für die neue Scheibe zu arbeiten."

Dazu muss man wissen, dass Michelle ihre Videos nicht nur konzipiert, sondern auch Regie. Dabei kann sie es sich inzwischen sogar leisten, renommierte Schauspieler – wie z.B. den aus der Serie Sopranos bekannten Michael Imperoli in dem Video zu „Savage Good Boy“ - zu engagieren. Langweilen tut sich Michelle also gewiss nicht. „Nein – ich war gut beschäftigt, während der Pandemie“, bestätigt sie diese Vermutung.

Die von Michelle angedeutete neue Herangehensweise an ihre Musik führte zu einem Album, dass in seiner opulenten, zugänglichen Art ganz anders ausgerichtet ist, als die beiden ersten Alben. Was führte letztlich aber zu der Erkenntnis, es mal auf diese Weise zu versuchen?

„Ich gestehe ja ein, dass meine Narrative als Songwriterin in Themen wie Trauer und Traurigkeit verwurzelt ist – und gerade deswegen wollte ich den Hörer und auch mich selbst mit diesem neuen Thema 'Jubilee' überraschen. Für uns Indie-Leute ist das ja keine Selbstverständlichkeit, denn die Leute erwarten von uns ja, dass wir ständig traurig sind. Ich fand, dass es eine gute Gelegenheit war, zu zeigen, dass man sich nicht immer in dieser chaotischen, miserablen Stimmung befinden muss, um gute Musik schreiben zu können."

Tatsächlich ist „Jubilee“ also eine Art inhaltlicher und musikalischer Befreiungsschlag für Michelle Zauner geworden – auch weil sie sich mehr oder minder hemmungslos der Popmusik gegenüber öffnet – freilch ohne dabei ihre Prinzipen zu verraten. Das war nach den zwar durchaus spannenden – aber musikalisch auch recht anspruchsvollen und experimentellen ersten beiden Alben nicht unbedingt zu erwarten, zeigt aber, dass Michelle Zauner mit dieser klaren Vision und der entsprechenden Souveränität ihren Weg als Künstlerin endgültig gefunden hat.

Aktuelles Album: Jubilee (Dead Oceans / Cargo) VÖ: 04.06.


Weitere Infos: http://Japanesebreakfast.rocks/ Foto: Peter Ash Lee

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