interviews kunst cartoon konserven liesmich.txt filmriss dvd cruiser live reviews stripshow lottofoon

NATIVE HARROW

„Wir sind Optimisten“

NATIVE HARROW

Mit zeitlos schönem Folk-Rock begeisterten Native Harrow bereits im vergangenen Jahr auf ihrem Europa-Debüt ´Happier Now´. Auf dem feinen Nachfolger ´Closeness´ setzt das an der US-Ostküste heimische Duo nun weiter auf warmtönenden Americana-Wohlklang, nutzt aber auch geschickt eine größere musikalische Palette und einen weniger nostalgischen Anstrich, um ein wenig Positivität in die dunkle Welt zu entsenden.

In Deutschland mögen Native Harrow noch ein gut gehütetes Geheimnis sein, tatsächlich sind Sängerin und Gitarristin Devin Tuel und Multiinstrumentalist Stephen Harms aber alte Hasen. ´Closeness´ ist bereits ihre vierte Platte als Duo, ein Werk, auf das die zwei mit großem Einsatz seit Jahren hingearbeitet haben. Dass Native Harrow keine ganz gewöhnliche Band sind, wird gut durch die Anekdote illustriert, wie sie den lang ersehnten Plattenvertrag in Europa ergattert haben, noch dazu bei dem Label, auf dem auch Hochkaräter wie Israel Nash, Damien Jurado, Courtney Marie Andrews oder The Handsome Family unter Vertrag sind. „Unsere erste Reise nach Großbritannien war eigentlich nur als Urlaub geplant, aber als wir dort waren, kamen wir auf die Idee, ein Konzert in London auf die Beine zu stellen“, erinnert sich Tuel im Westzeit-Interview.

„Aus einer Laune heraus lud Stephen die Macher von Loose Records zu unserem Auftritt ein, und nur wenige Tage später unterschrieben wir einen Plattenvertrag! Wir waren völlig baff!“

Der Europa-Deal machte Native Harrow nicht nur bekannter, er wirkte sich auch künstlerisch aus, ist Tuel überzeugt:

„Es hat uns sehr in unserem Tun bestärkt, überhaupt wahrgenommen zu werden und eine solch positive Unterstützung zu erfahren. Das hat dazu geführt, dass wir mit der neuen Platte weniger Berührungsängste hatten und uns mehr getraut haben, die Genres zu erkunden, die uns am Herzen liegen.“

Für ´Closeness´ knüpfen Native Harrow deshalb an den wie aus der Zeit gefallen wirkenden Laurel-Canyon-Sound ihrer bisherigen Alben an, gehen gleichzeitig aber einen gehörigen Schritt weiter, wenn sie sich von Bill Withers, Billie Holiday oder den ausgefalleneren Werken von Joni Mitchell inspirieren lassen und mit erhebendem 70s-Soul, klassischem Jazz und abenteuerlichem Folk ihr Klangspektrum behutsam erweitern. Neben gestiegenem Selbstvertrauen, größerer Erfahrung und einer wachsenden Vinyl-Sammlung waren dabei auch Harms´ klassische Musikausbildung und seine breit gefächerten Erfahrungen in allen möglichen Settings eine Hilfe.

„Ich habe auch in Orchestern gespielt, aber vor allem galt mein Interesse dem Jazz und der Studioarbeit“, erklärt er. „Ich habe schon damals versucht, stets an den interessantesten Aufnahmesessions und Projekten mitzuwirken, die ich finden konnte, um eine Herausforderung zu haben. Unser Drummer Alex Hall, der in Chicago lebt, ist ganz ähnlich gepolt, und deshalb haben wir inzwischen genug Erfahrung, um uns schnell und leicht in andere musikalische Welten einfühlen zu können.“

Mit ´Closeness´ öffnen sich Native Harrow deshalb nicht nur musikalisch, sondern auch textlich. Mehr denn je ging es Tuel bei den neuen Liedern darum, Geschichten zu erzählen – mit verändertem Fokus.

„Zuvor waren meine Lieder oft durch Bücher inspiriert oder Erlebnisse anderer“, verrät Tuel. „Dieses Mal sind die Geschichten alle meine eigenen – sie kommen allesamt von Herzen.“

Das Paradebeispiel ist die Soul-umwehte Glanztat ´Carry On´, die emotional und klanglich das Herzstück der neuen LP bildet.

„Das Lied entstand in einer Phase der Beklommenheit, der Besorgnis und des Zweifels“, erklärt Tuel. „Ich schrieb das Lied, um mich selbst daran zu erinnern, dass man immer weitermachen muss.“

Überhaupt dreht sich auf ´Closeness´ Vieles um Liebe und Positivität – kein einfaches Unterfangen in Zeiten, in denen neue Schreckensmeldungen aus einer sich scheinbar immer schneller drehenden Welt fast täglich auf uns einstürzen. Native Harrow wissen allerdings, wie sie damit umzugehen haben.

„Wir sind Optimisten“, fasst Stephen die Einstellung der Band kurz und knapp zusammen, und auch Tuel sieht das so:

„In unserem künstlerischen Vibe mag ein gewisses Maß an Pessimismus mitschwingen, trotzdem mussten wir uns zu Optimisten entwickeln, um dorthin zu gelangen, wo wir heute sind, um weitermachen zu können, auch wenn es nicht leicht ist. Natürlich muss man realistisch bleiben, aber es hilft auch, sich zu sagen: ´Nichts kann uns aufhalten.´“

Aktuelles Album: ´Closeness´ (Loose / RTD)


Weitere Infos: nativeharrow.com


September 2020
ALIN COEN
DANA GAVANSKI
FENNE LILY
MIU
NATIVE HARROW
PETER BRODERICK
WIDOWSPEAK
‹‹August