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THE PRETENDERS

Nicht reparieren, was nicht kaputt ist

THE PRETENDERS

Mit „Hate For Sale“ reaktiviert Chrissie Hynde ihre Pretenders nun zum x-ten Mal in einer neuen Inkarnation. Diesmal, weil sie lediglich einmal ein Album mit ihrer aktuellen Tourband einspielen wollte – das hatte sie aktuell noch nicht geschafft.

Christine Ellen „Chrissie“ Hynde ist Vegetarierin, Mutter und seit 1978 einziges All-Time-Mitglied der Pretenders. Das neue Werk „Hate For Sale“ handelt laut Hynde weder von UK-Premierminister Boris Johnson (sie lebt in London), noch von US-Präsident Donald Trump (Hynde hat noch ein Apartment in ihrer Heimatstadt Akron / Ohio).

„Keiner meiner Songs spielt auf die Politik an – sie handeln größtenteils von meinen Exfreunden.“

Auch auf z.B. „Turf Account Daddy“ arbeitet sich an einem Ex ab.

„Ich habe ein paar schmierige Charakteristiken übernommen. Ich war nie mit einem Buchmacher zusammen, jedenfalls nicht wissentlich. Ich glaube, es ist mein Lieblingssong auf dem Album. Ich liebe seinen `Top Of The Pops´-Sound. Ein Bekannter aus den Staaten erzählte mir kürzlich, dass dort der Begriff Turf Accountant für einen Buchmacher unbekannt ist. Echt blöd. Aber sie lieben ja das Glücksspiel und werden schon irgendwie rausfinden, worum es geht.“

Kürzlich versandte sie eine Kopie des neuen Albums an John McEnroe, einem ihr bekannten Gitarristen, der außerdem noch Tennis spielt (wunderschönes Understatement – McEnroe ist als ehemalige No. 1 der Weltrangliste ebenso bekannt wie als Tennis-Rüpel).

„Er meinte – Wow, ich habe mir gerade dein Album angehört. Oldschool, ich liebe es! Songs kurz und süß. Rock´n´Roll vom Feinsten.“

Sehr glaubhaft, das. Besonders die Aussage „dein Album“. Es nährt den Verdacht, The Pretenders waren subjektiv nie eine Band gleichberechtigter Musiker, sondern stets ein Konstrukt um die streitbare Sängerin herum, in dem es musikalisch lediglich eher um Punk und Rock geht, während ihre Soloscheiben – siehe „Valve Bone Woe“ vom September 2019- Jazz und andere Musikrichtungen darbieten.

„Wir alle lieben Punk“, sagt sie. „Man könnte wohl sagen, dass man den Titelsong `Hate For Sale´ als unseren Tribut an die Punkband bezeichnen könnte, die ich als die musikalischste in ihrem Genre betrachte – The Damned.“

„Wir“, das sind derzeit neben Chrissie der Gitarrist James Walbourne, Original-Pretenders-Schlagzeuger Martin Chambers (seit 1994 wieder dabei) sowie Nick Wilkinson (Bass). Die zehn neuen Songs von „Hate For Sale“ schrieben Hynde zusammen mit Walbourne. „Hate For Sale“ ist das erste Pretenders-Studioalbum, auf dem -im Gegensatz zum 2016-Werk „Alone“- das LineUp zu hören ist, mit dem die Band in den letzten zwölf Jahren auf Tour war.

"Unsere Terminkalender haben dazu geführt, dass wir nicht immer zur gleichen Zeit in der gleichen Stadt oder dem gleichen Land waren. Also habe ich auf die Leute zurückgegriffen, die verfügbar waren. So wie mit dem `Alone´-Album. Ich begab mich nach Nashville, um mit Dan Auerbach im Studio zu arbeiten. Eigentlich war er nur für die Produktion gebucht; aber er ist so ein exzellenter Gitarrist, so dass ich ihm auch noch den Rest aufgebürdet habe. Wir haben schnell gearbeitet und das ganze Album in nur elf Tagen aufgenommen. Ich hatte gar nicht die Gelegenheit, meine Jungs noch aus England dazu zu holen. Trotzdem wollte ich unbedingt mit dem echten Pretenders-Line-Up ein Album aufnehmen, was nun endlich passiert ist. Nach der `Alone´-Tour ergab sich ein Zeitfenster, in dem wir ein paar Wochen frei hatten, um uns in Ruhe den Songs zu widmen. Und sie fingen buchstäblich an, nur so aus uns heraus zu fließen. Wir erkannten, dass unser Schreiben nach den gemeinsamen Liveerfahrungen so natürlich wie eine Kindesgeburt ist. Danach gingen wir wieder auf Tour mit Stevie Nicks, mit der wir in den Staaten und Australien waren; Südamerika mit Phil Collins, Fleetwood Mac und schließlich ein paar eigene Konzerte. Als wir wieder zurück waren, um die Songs fertigzustellen, hat sich das so gut angefühlt, als würde man sein Lieblingspaar Stiefel anziehen.“

Das neue Werk, so Hynde, beziehe seinen größten Einfluss neben dem Hardcore-Rock´n´Roll aus Rhytm & Blues. Mit Walbourne hätte sie versucht, diesen Stil klassisch mit modernen, autobiographischen Lyrics umzusetzen. Darauf angesprochen, ob es mittlerweile eine Tradition sei, auf Pretenders-Alben eine breite Stilpalette zu präsentieren, erwiderte Hynde:

„Das ist tatsächlich eine Tradition, die auf allen Pretenders-Platten zu finden ist. Ich glaube, wir sind heute in unserer `Man soll nicht reparieren, was nicht kaputt ist´- Phase.“

Tradition haben auch die außermusikalischen Aktionen, die Hynde neben der Musik unternimmt. Kürzlich unterstützte sie einen Londoner Protestmarsch gegen die Auslieferung von Wikileaks-Gründer Julian Assange an die USA, wo dem Whistleblower bis zu 175 Jahre Haft drohen. Hynde forderte, gemeinsam mit berühmten Kolleginnen wie M.I.A., Lady Gaga und Vivienne Westwood, sowie mit dem Kollegen Roger Waters (Pink Floyd), die Freilassung von Assange. Zitat: „Ich weiß, dass Herr Assange das Gesetz gebrochen hat (so wie ich, als ich mich für die bessere Behandlung von Tieren einsetzte), doch ich glaube, er ist mittlerweile genug gestraft, und sollte freigelassen werden.“

Aktuelles Album: Hate For Sale (BMG) VÖ: 17.07.


Weitere Infos: https://thepretenders.com/ Foto: Matt Holyoak

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