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DAWES

Ungewissheit als kreativer Motor

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Daheim in den USA gelten Dawes nicht erst seit ihren Kollaborationen mit unantastbaren Größen im Americana-Dunstkreis wie Robbie Robertson, Jackson Browne, John Fogerty oder Conor Oberst als eine der besten Live-Bands ihrer Generation. Bevor 2020 das nächste Studioalbum ansteht, war das kalifornische Quartett nun endlich auch wieder auf deutschen Bühnen zu erleben, im Gepäck den exklusiven Vinyl-only-Konzertmitschnitt ´Live From Richmond, VA´.

Köln, Anfang November 2019. Die kleine Bühne des schon seit Wochen ausverkauften Artheaters ist kniehoch, einen Sicherheitsgraben gibt es nicht: 30 Zentimeter vor uns brennen Sänger, Gitarrist und Songwriter Taylor Goldsmith und die Seinen ein mitreißendes Feuerwerk aus Hits und Hymnen ab und katapultieren dabei völlig mühelos die Naturbelassenheit von The Band, die Harmonieseligkeit von Crosby, Stills & Nash und einen Hauch von Bruce Springsteen´ schem Pathos in die Gegenwart, bevor das Konzert nach fast zwei Stunden mit einem echten Gänsehaut-Moment ausklingt: 200 restlos begeisterte Fans singen ohne Begleitung inbrünstig den Refrain des Ohrwurms ´All Your Favorite Bands´, und es ist schwer zu sagen, wer dabei den größeren Spaß hat: das Publikum vor oder die ergriffen lauschende Band auf der Bühne!

„Live-Shows nehmen einen besonderen Platz im Tun einer Band ein, über das nicht so oft gesprochen wird“, sagt Taylor Goldsmith im Westzeit-Interview vor dem Konzert. „Mit jeder neuen Platte erweiterst du dein Arsenal, aus dem du dir für die Konzerte die passenden Songs herauspicken kannst, um gemeinsam mit dem Publikum in Erinnerungen zu schwelgen.“

Für den Dawes-Frontmann ist das nicht nur einer der schönsten Aspekte am In-einer-Band-Sein, es ist ihm auch bewusst, welches Privileg Musiker dadurch genießen.

„Als Filmemacher gehst du ja nicht auf Tour und präsentierst die besten fünf Minuten aus deinen letzten zehn Filmen“, sinniert er. „Als Band kannst du dir jeden Abend 15, 16 Songs aussuchen, um die letzten zehn Jahre zu repräsentieren.“

Trotz der vielen kleinen und großen Triumphe seiner Band in der Vergangenheit hat Goldsmith ambivalente Gefühle, wenn es gilt, die zehn Jahre einzuordnen, die seit der Veröffentlichung des Dawes-Debüts ´North Hills´ inzwischen vergangen sind.

„Auf der einen Seite fühlen wir uns wie absolute Gewinner, und wenn morgen alles vorbei wäre, würden wir in ein paar Jahren zurückblicken können und immer noch sagen, was für ein Glück wir doch hatten“, erklärt er. „Auf der anderen Seite haben wir aber bislang nie das Gefühl verspürt, es geschafft zu haben und wirklich erfolgreich zu sein. Ich habe bei jeder neuen Platte, bei jedem neuen Konzert den Eindruck, dass wir darum kämpfen müssen, im Spiel zu bleiben.“

Obwohl Goldsmith kein Hehl daraus macht, dass Dawes gerne auch riesige Hallen füllen und auf der ganz großen Erfolgswelle mitsurfen würden, sind ihm auch die damit einhergehenden Herausforderungen bewusst.

„Als wir ´All Your Favorite Bands´ mit David Rawlings aufgenommen haben, sagte er eines Abends: ´Was haben Leute wie wir doch für ein Glück, dass wir uns keine Sorgen machen müssen, relevant zu bleiben.´ Nimm nur einmal Bands wie Bon Iver oder Tame Impala. Ich beneide sie um ihren Erfolg, aber sie müssen ein anderes Spiel spielen als wir: Wo steht der Zeitgeist? Was ist der neueste Stand und wie nah bin ich dort dran? David Rawlings muss daran genauso wie wir keinen Gedanken verschwenden. Natürlich würden wir gerne sicher sein, dass unsere Karriere nie in Gefahr geraten kann, aber die wenigsten haben bei ihrer Arbeit diese Art von Gewissheit.“

Natürlich weiß Goldsmith, dass es genau dieses Gefühl der Ungewissheit, dieses nervöse Kribbeln ist, das seine Band – und Künstler ganz allgemein – weiter kreativ sein lässt.

„Ein Freund von mir hat kürzlich ein Buch gelesen, in dem Schauspieler sich gegenseitig interviewen“, erzählt er. „Im Gespräch von Robert Duvall und Robert De Niro fragt einer den anderen, was seine größte Angst nach Fertigstellung eines Films sei, und die Antwort lautete: ´Dass ich nie wieder eine Rolle bekomme.´“

Goldsmith sieht in der Aussage etwas Tröstliches, oder wie er es selbst abschließend ausdrückt: „Es ist egal, ob du im Madison Square Garden auftrittst oder zehn Millionen Dollar verdient hast. Auf die ein oder andere Art und Weise fürchten wir alle, dass wir das verlieren, was wir haben.“

Aktuelles Album: Live From Richmond, VA (Hub Records / ADA / Warner)

Foto: Matt Jacoby

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