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MOGWAI - Mit dem Herzen voran

Ein neues Album führt Mogwai zurück zu ihren Wurzeln. Anstelle langwieriger Aufnahmesessions entschied sich die schottische Instrumentalband für das ‚quick & dirty’ Prinzip – was ´Every Country’s Sun´ im positiven Sinne anzuhören ist und sogleich Teil der Uraufführung war: „Wir spielten Anfang Juni sehr kurzfristig beim Primavera Sound-Festival in Barcelona und präsentierten dort erstmals die gesamten neuen Songs Live auf der Bühne“, erklärt Gitarrist Stuart Braithwaite den wenige Monate zurückliegenden Gig und betont, dass die Reaktionen des Publikums sehr positiv ausfielen.

Ein klares Indiz für die Qualität des neuen Materials sei dies allerdings nicht – ganz im Gegenteil, wäre verfrühte Selbstsicherheit „ziemlich arrogant“.

Stets freundlich und allen Fragen der Journalisten offen gegenüberstehend, beschleicht einem rasch das Gefühl, Mogwai würden den Interviewtag lieber gegen Zeit im Studio eintauschen. Worüber die beiden Abgesandten – Gitarrist Stuart Braithwaite und Drummer Martin Bulloch – jedoch lächeln müssen:

„Wir freuen uns über jedes Gespräch, dass wir führen dürfen. Es zeugt von Interesse und oftmals entstehen ganz neue Einblicke in das eigene Schaffen – wenn dein Gegenüber Fragen stellt, auf die man gar nicht gekommen wäre.“

Selbst wenn dabei stets zwei, drei Punkte aufkämen, die jedes Mal zum Thema werden.

Wie zum Beispiel der instrumentale Ansatz der Band. Der einem vordergründig das Gefühl vermitteln mag, Mogwai müssten nur die vielen Jam-Sessions auf einen gemeinsamen Nenner bringen und könnten das Ergebnis im Anschluss schnell raushauen. Immerhin braucht sich niemand den Kopf über Lyrics zerbrechen, denn diese sind bekanntlich selten Bestandteil des Songwriting.

Ein Trugschluss indessen, wie das auch neue Album ´Every Country’s Sun´ beweist: Nicht nur deswegen, weil Mogwai tatsächlich Texte in die Platte einfließen lassen, selbst ohne diese war und wäre es kein Spaziergang, wie Martin Bulloch bekräftigt und dabei auf einen „unvermeidlichen Drang zur Innovation“ hinweist:

„Es ist ja nicht so, dass Mogwai immer wieder die gleiche Schiene fahren dürfen, bloß weil wir instrumentaler als andere aufgestellt sind. Gerade bei den letzten Veröffentlichungen dachten wir viel darüber nach, wohin sich der Sound entwickeln sollte und welche Dinge wir ausprobieren sollten, die bislang unversucht waren.“

Was beim letzten, 2014 erschienenen ´Rave Tapes´ mehr elektronische Experimente mit sich brachte und das Quartett dieser Tage trotzdem antizyklisch zu ihren Anfängen zurückkehren lässt: So erinnern die neuen Stücke deutlich an das zweite, 20 Jahre alte Meisterwerk ´Come On Die Young´.

Da einerseits der damalige Produzent Dave Fridmann wieder hinterm Mischpult Platz nahm und parallel jeder innerhalb der Band dem inneren Gefühl anstelle des Kopfes Raum zukommen ließ. Was anfänglich kein mühelose Unterfangen war, wie man auf Nachfrage erfährt.

Stuart Braithwaite: „Wir hatten die Sachen fast fertig, da ratterte es los: Welche Dinge können wir ausprobieren und wie werden die Sachen dadurch klingen? Schossen die Gedanken durch unsere Köpfe und Dave war an dieser Stelle genau der richtige Ratgeber – er nahm den Druck und lenkte den Fokus auf das, was wirklich wichtig ist.“

Die Songs an sich und nicht irgendein Innovationsdrang, wie Mogwai anfügen und wohl auch aufgrund von Fridmanns Hinweis auf ´Every Country’s Sun´ erstaunlich unbekümmert klingen. Dennoch keiner Wiederholung anheimfallen, obwohl vieles vertraut wirkt:

Die langgezogenen Gitarrenriffs und enormen Drums werden anno 2017 in eine erstaunlich locker wirkende Spielweise integriert, die tatsächlich das Gefühl von Leichtigkeit transportiert. Auf einer Platte, die kaum besser als mit dem Gig beim Primavera Sound ihren Einstand hätte feiern können.

„Man macht das lange genug um auch solche, zugegebenermaßen kalkulierbaren Herausforderungen anzunehmen. Der dortige Beifall zählte jedoch nur für diesen einen Gig. Die wirklichen Reaktionen warten noch auf uns und jeder ist so aufgeregt wie beim Debüt.“

Obwohl sich Mogwai eigentlich keine Gedanken müssen, will man entgegnen: ´Every Country’s Sun´ gehört zu einem ihrer stärksten Alben und es spricht nur für die Qualität dieser Band, die Reaktionen auf der anstehen Tour abzuwarten ehe man sich zufrieden zurücklehnt.

Alles andere wäre arrogant.

Aktuelles Album: Every Country´s Sun (Rock Action / PIAS / Rough Trade) VÖ: 01.09.
© 01. September 2017  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Brian Sweeney
September 2017

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