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POMME

11.04.23, Luxor, Köln

Unter Umgehung der üblichen Mechanismen des Musikbusiness hat sich Claire „Pomme“ Pommet alleine über ihre Fanbasis und die Mund-Zu-Mund-Propaganda eine Position im Kanon der jungen französischen Songwriterinnen erarbeitet, die es ihr ermöglicht, ohne besonderen Promo-Aufwand auch bei uns eine ausverkaufte Tour nach der anderen zu absolvieren und dabei auch jedes Mal in größeren Clubs aufzuspielen. Obwohl: Im Kölner Luxor war sie zu Beginn ihrer Laufbahn bereits ein Mal aufgetreten, wie sie zu Beginn ihrer Show verriet – damals allerdings vor 30 Leuten und nicht vor einem bis auf den letzten Platz ausverkauften Haus. Wie üblich hatte sich Pomme als Support für ihre aktuelle Tour wieder einen Freund aus der LGBTQ+ Community eingeladen. Thx4Crying nennt sich der romantisch schwer angeschlagene nichtbinäre Jüngling, der sich als leicht verpeilter E-Popper im 80’s Setting mit den Songs seiner Debüt-EP „Montagnes d’emeraudes“ und einer (teilweise auf deutsch vorgetragenen) Cover-Version von Tokio Hotel’s „Monsun“ präsentierte – und dabei von den Fans gefeiert wurde, als sei er bereits ein etablierter Superstar. Das hat damit zu tun, dass es bei Pomme nicht ausschließlich um die Musik geht, sondern auch um ihre Rolle als LGBTQ+-Aktivistin und Role-Model für ihre Fans. Da ist es dann weniger wichtig, dass es musikalisch genau passt, als dass die Geschlechtspolitik adressiert wird. Außerdem sind Pomme-Fans dezidiert Hardcore und reisen ihrer Heldin von Konzert zu Konzert nach. Die kannten also Thx2Crying tatsächlich schon. Pomme ist musikalisch durch ihren Sinn für eine atemberaubend ökonomische und Wirkungsvolle Reduktion auf das absolut Notwendigste bekannt geworden. Selbst größere Events bespielte sie schon mal ganz alleine mit ihrer Autoharp als Leitinstrument und verließ sich da ganz auf ihren Gesang – und natürlich die Wirkung ihrer mit kleistscher Intensität ausformulierten, morbiden Chansons über Sterben, Tod und Trauer. Mit ihrem aktuellen Album „Consolation“ betrat sie indes – für ihre Verhältnisse – Neuland, sang einige der neuen Tracks auf Englisch, reicherte andere mit einem Band-Arrangement an und arbeitete mehr mit Keyboards als der Autoharp. Das hatte zur Folge, dass sie sich für die aktuelle Tour der Mitarbeit ihres Songwriter-Kollegen Correntin Olivier versicherte, der Pomme an Keyboards, Gitarre und Bass begleitete und ihr auch gelegentlich auch gesanglich unter die Arme griff. Dabei entstanden dann viele schöne Momente – etwa wenn Olivier und Pomme selbst parallel auf zwei Piano-Keyboards spielten oder im Zusammenspiel (etwa bei der Version des Aurora-Tracks „Everything That Matters“, an dem Pomme ja selbst beteiligt war) fast orchestral zu mehr als der Summe der Einzelteile aufliefen. Wie gewohnt plauderte Pomme charmant und ungewzungen mit dem Publikum – erzählte von ihrem Besuch im Europa-Park, bemängelte dass ihrer Meinung nach nicht genügen Chihuahuas zugegen waren und fragte, was man denn in Köln so machen könne. Leider konnte sie das nicht auf Deutsch erledigen, da sie – anders als alle Mitglieder ihrer Familie nicht Deutsch, sondern Englisch zur ersten Fremdsprache gewählt hatte – was sie nun zwar bedauerte, ihr aber sicherlich bei ihrer internationalen Karriere auch nützlich ist. Musikalisch funktionierte die Ökononomie – trotz des größeren Aufwandes – immer noch weitestgehend. Beispielsweise als Pomme im akustischen Solo-Teil in der Mitte des Sets nur ein wenig ihre Gitarre zu streicheln brauchte, um das Publikum dazu anzuregen ihren Hit „On brûlera“ statt ihrer selbst zu singen. Trotz allem: So richtig viel Raum für Spontaneität blieb da nicht, denn das ganze Programm war musikalisch bis zum letzten Ton durchorchestriert. Auch die professionelle Distanz zu den Fans hat Pomme nicht aufgegeben. Zwar erzählte sie davon, wie sie sich vor der Show unerkannt durch das Publikum zur Bühne hatten vorarbeiten müssen, ließ sich aber nicht dazu erweichen nach der Show mit den Fans zu fraternisieren nachdem das Konzert mit einer Coverversion der Versöhnungshymne „Göttingen“ der frühen Chansonnière Barbara zu Ende gegangen war. Sei es drum: Rein musikalisch und auch emotional bot Pomme genau das, was man sich als Fan auch gewünscht hätte – und zwar auf einem handwerklich wie performerisch hochstehenden Niveau. Wer keine lauten Töne oder große Gesten braucht, um glücklich (oder auch unglücklich) zu sein, der wird bei Pomme bestens bedient.


Weitere Infos: http://pommemusic.fr/


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