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POP-KULTUR FESTIVAL 2022 (Kulturbrauerei Berlin, 24.-26.08.2022)

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Natürlich hatte auch das Pop-Kultur-Festival mächtig an der Pandemie zu knabbern gehabt – machte dabei aber mit einer virtuellen Ausgabe 2020 und einer eingeschränkten Hybrid-Live-Edition 2021 eine ordentliche Figur. Aber natürlich war das nur Kultur mit Handbremse. In diesem Jahr konnte das Festival dann wieder ohne Einschränkungen im gewohnten Umfang stattfinden und bot an drei Tagen über 120 Veranstaltungen, die so ziemlich die ganze kulturelle Spannbreite widerspiegelten. Neben Live-Konzerten, DJ- und Karaoke-Sets gab es zum Beispiel ein Rahmenprogramm aus Lesungen, Vorträgen, Diskussionen und Filmen sowie auf der Performance-Ebene auch Theaterstücke, Dance-Performances und die sogenannten Commisioned-Works – Auftragsarbeiten, die speziell auf das Festival zugeschnitten sind. Wie üblich stand das Ganze dabei unter den Zeichen von Diversität, Wokeness, Inklusion, Empowerment und Equality. Insbesondere deswegen war es eher befremdlich, dass das Festival in den Sog einer erneuten Boykott-Kampagne des BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) Netzwerkes geraten war. Dieses ist eine international tätige Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hat, durch eine antizionistische und antisemitische Diskreditierung des Staates Israel politische Ziele zu durchzusetzen und dafür den Bereich der Kultur als Mittel zum Zweck entdeckt hat, indem Künstler zum Boykott von Veranstaltungen aufgefordert werden, die vom Staate Israel gefördert werden. Im Falle des Pop-Kultur-Festivals geht es dabei lediglich um Reisekostenzuschüsse für das israelische Projekt BĘÃTFÓØT feat. Kunty Klub, das mit einem Commissioned Work in Berlin vertreten war. Wie absurd diese Aktion angelegt ist, zeigte sich etwa bei dem Auftritt der karibisch-stämmigen, amerikanischen Berklee-Absolventin Xenia Rubinos, die einen ihrer Songs über den „Mord“ an George Floyd zum Anlass nahm, sich mit jenen Künstlern solidarisch zu erklären, die das Festivals aufgrund des BDS-Aufrufes tatsächlich boykottiert hatten, um ihre Verbundenheit zum palästinensischen Volk zum Ausdruck zu bringen – und sich im gleichen Atemzug mit den Worten „Thanks for having me“ beim Festival bedankte. Nun ja: Musik gab es auch. Auf der einen Seite gab es da inzwischen etablierte alte Bekannte wie z.B. Isolation Berlin, Drangsal oder Alyona Alyona, die sich bereits in der Vergangenheit dem Festival verbunden gezeigt hatten – auf der anderen aber auch absolute Newcomer. So absolvierte etwa Σtella – das Bandprojekt der gleichnamigen griechischen Künstlerin - den ersten Live-Auftritt vor Publikum überhaupt. Ähnlich war das bei den jungen Künstlern die im Rahmen der Nachwuchs-Veranstaltungen im Soda Club antesten konnten, wie das ist mit dem Musikantenleben in der Öffentlichkeit. Dazwischen saßen dann Acts, die aufgrund ihrer experimentellen Ausrichtung ansonsten gar nicht auf Festivals vertreten sind – Theodora, HSRS oder L Twills gehören mit ihren musikalischen und performerischen Grenzauslotungen etwa zu dieser Kategorie. In Sachen Internationalität überraschte das Pop-Kultur Festival wieder mal mit Beiträgen aus Richtungen, in die nun wirklich niemand geschaut hatte – beispielsweise mit dem Dance-Projekt „Photophobia“ der brasilianischen Trans*Frau Of Colour „Sanni Est“, der Show der Kölner Musikerin Hanitra Wagner, die unter dem Projektnamen Vaovao mit ihrer madagassischen Roots flirtet oder dem ersten Auftritt des belarusischen Darkpop-Trios Dlina Volny in Berlin, das aufgrund der politischen Situation im lettischen Exil leben muss. Dann gab es noch die Shows von Künstlern, die aufgrund der Pandemie-Situation bislang noch nicht mit ihren aktuellen Projekten in unseren Breiten hatten live auftreten können – so etwa sie Australierin Grace Cummings oder die Britin Anna B. Savage – die man anderen Ortes auch so schnell nicht wieder sehen können wird. Auch Public Display Of Affection, das gemeinsame neue Projekt von Jesper Munk und der hyperaktiven Ausdruckstänzerin Madeleine Rose begeisterte in dieser Hinsicht. Und letztlich gab es noch vom Publikum begeistert aufgenommene Gigs angesagter britischer Bubblegum-Pop-Queens wie Uffie oder Hannah Diamond, die mit ihrem quirligen und unterhaltsamen Guilty-Pleasure Pop selbst renommierte Indie-Künstler begeistern konnten, die im Publikum mittanzten und -sangen. Nicht zu vergessen wären auch die Auftritte der iklusiven Hausband des Ramba-Zamba-Theaters 21 Downbeat, die das Festival z.B. mit einer E-Pop-Version des Berliner Bolle-Liedes eröffneten. In performerischer Hinsicht einzigartig war dann auch noch das Commisioned Work „52 Jokers“, bei dem in einem sehr gelungenen Mix aus Live-Performance mit Musik von Paul Wallfisch (Botanica) und Jim Coleman, beeindruckenden Visuals u.a. von Regissuerin Beth B. und nicht zuletzt der Performance von Little Annie und der finnischen Burlesque-Künstlerin Evilyn Frantic ein mit elegischen Balladen im Tom Waits-Stil durchsetztes, auf der Autobiographie von Little Annie basierendes szenisches Theaterstück im kafkaesken Noir Stil inszeniert wurde, das das Publikum aufgrund seiner Intensität und der provokativen Dramatik (inklusive eines Live-Piercings auf der Bühne) gleichermaßen in den Bann schlug. Auch das war dann ein Debüt, denn wenngleich Little Annie und Paul Wallfisch schon öfter musikalisch zusammengearbeitet hatten, war das Lernen eines Theater-Textes für Little Annie nach eigener Aussage „eine ganz neue Disziplin“. Fazit: Mit der diesjährigen Ausgabe hatte das Pop-Kultur-Festival wieder zum Anspruch des allumfassenden Kultur-Angebotes - insbesondere auch wieder in internationaler Hinsicht und auf die Kapazitäten bezogen - zurückfinden und so an drei Tagen 10000 Zuschauer in 11 Veranstaltungsstätten beglücken können. Wollen wir mal hoffen, dass das im nächsten Jahr – dann vom 30.08.-01.09.23 – auch wieder möglich sein wird. https://www.pop-kultur.berlin/festival/




September 2022
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