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STEPHEN BUDIANSKY

Reise zu den Grenzen der Vernunft

(Propyläen, 454 S., 28,00 Euro)

Kurt Gödel? Bei manchem wird da vielleicht im Hinterkopf etwas zünden – das war doch dieser seltsame LogikFreak, der bewiesen hat, dass man manches nicht beweisen kann. Oder so ähnlich, Halbwissen rules the world. Geht jedenfalls mir so, gerade in jungen Jahren führte man Rotwein-schwangere Diskussionen über Dinge, die man kaum, eigentlich gar nicht verstanden hatte. Gödels legendärer "Unvollständigkeitssatz" war da neben Quantenphysik ein genauso beliebtes Thema wie kommunistische Utopien oder Wahrnehmungspsychologie. Der Mensch Gödel spielte dabei eine untergeordnete Rolle, (auch) ein großer Fehler, wie einem beim Lesen dieser Biografie (der ersten, die unter vollständigem Zugriff auf Gödels Nachlass entstand) schnell klar wird. Stephen Budiansky, ein Wissenschaftsjournalist aus Boston, schildert die interessante Vita des in Brünn in großbürgerliche Verhältnisse Hineingeborenen. Die Kindheit ist von Krankheiten geprägten, dennoch ist Gödel ein typischer "Einser-Schüler", auf einem abgebildeten Zeugnis aus dem Jahr 1917 ist die einzige nicht "sehr gute" Note ironischerweise ein "gut" in Mathematik. Nebenbei erlernt er die Gabelsberger-Kurzschrift, eine Form der Stenografie, in der er zeitlebens seine Notizen und Tagebücher verfassen wird (was deren Erschließung ein wenig kompliziert macht). Danach geht’s zum Studium nach Wien, dort findet er in Karl Menger, Olga Taussky und anderen schnell Geistesverwandte. Über die theoretische Physik kommt Gödel schließlich mit Zahlentheoretikern wie Philipp Furtwängler in Kontakt, was ihn zur Mathematik und Logik bringt. Und in Kontakt mit dem berühmten "Wiener Kreis" um Moritz Schlick – aber all das muss hier nicht nacherzählt werden, schließlich wird die Entwicklung Gödels zum legendären Denker in diesem Buch ebenso spannend wie aufschlussreich dargelegt. Besonders interessant sind dabei die "Nebenschauplätze", etwa das Aufkommen des Faschismus in Österreich und die damit auch bei Gödel einsetzenden Zweifel und Ängste. Oder die irritierende Liebesbeziehung zu der 7 Jahre älteren TingelTangelTänzerin Adele Nimbursky, einer "ungebildeten, aber willensstarken Frau", die er schließlich heiratete (die Beziehung trug durchaus masochistische Züge). Einladungen nach Princeton und dortige Dozententätigkeiten führten nach langem Zögern 1940 zur endgültigen Übersiedlung in die USA. Dort wurde er der wohl beste Freund Albert Einsteins, blieb aber ein "lebensfremder" Sonderling. Auch seine Hypochondrie und Verfolgungsängste besserten sich nicht, sein paranoides Misstrauen gegenüber Ärzten kostete ihn schließlich sogar das Leben. Er starb am 14. Januar 1978 mit 71 Jahren "zusammengekauert in einer Art Embryonalhaltung". als Todesursache hielten die Ärzte fest: "Unterernährung und Entkräftung, verursacht durch eine Persönlichkeitsstörung". Kurt Gödel war ein Nerd, bevor die Welt wusste, was ein Nerd ist: von schmächtiger Gestalt, pedantisch, zuweilen auch geizig und mit großer (spätestens in Princeton aber eher unbegründeter) Angst vor materieller Not war er der Archetypus des brillanten, aber eben auch komplett alltagsuntüchtigen Denkers mit dicker Brille und sehr beschränkten sozialen Fähigkeiten. "Ultra-Rationalist" nennt Budiansky das in späten Jahren auch philosophisch tätige Genie (die Beschäftigung mit seinem Idol Leibnitz trug da gleichfalls zwanghafte Züge) an einer Stelle. Im Anhang zu diesem höchst lesenswerten Buch wird "Gödels Beweis" übrigen auf ganzen sechs Seiten zusammengefasst. Und noch immer muss ich zugeben, dass ich diesen geistigen Gipfel nicht zu erklimmen imstand bin.
Weitere Infos: › www.ullstein.de/werke/reise-zu-den-grenzen-der-vernunft


März 2023
ANGELINA BOERGER
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