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SWEET ALIBI

Gesang verbindet

SWEET ALIBI

Das kanadische Trio Sweet Alibi kommt aus Winnipeg, der Hauptstadt der Provinz Manitoba – die ungefähr in der Mitte des nordamerikanischen Kontinents und damit in etwa gleich weit von den musikalischen Zentren an der Ost- oder West-Küste entfernt, dafür aber sehr dicht an den USA gelegen ist. Das erklärt auch in etwa den musikalischen Stilmix, den sich Amber Nielsen, Michelle Anderson und Jessica Rae Ayre auf die Fahnen geschrieben haben. Denn das Trio hat sich seit 2011 konsequent von einem typischen Folk-Act aus der kanadischen Provinz in Richtung eines international kompatiblen Stilmixes aus Folk, Pop, Soul und Rock-Elementen entwickelt, den die Damen heutzutage selbst gerne als „Roots-Pop“ bezeichnen. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass Sweet Alibi 2012 noch mit dem Canadian Folk Music Award als beste Gesangscombo ausgezeichnet wurde – danach aber dann mit dem universelleren Western Canadian Music Award. Die Frage, die sich unweigerlich stellt ist die, ob das ein bewusst angesteuerter Entwicklungsprozess – auf für das neue Album „Make A Scene“ gewesen sein mag, denn dieses ist besonders poppig und lebensbejahend ausgefallen? Michelle Anderson, die Gitarristin und Banjospielerin des Trios versucht, die Sache einzuordnen.

„Als wir die Songs geschrieben hatten, haben wir das Ganze immer noch auf unsere Gesangsharmonien begründet. Das waren dann sozusagen unsere Roots. Aber als wir an den neuen Songs arbeiteten, stellte ich fest, dass ich nur Gitarre spielte – und keine Banjo. Unsere Produzenten haben uns dahingehend unterstützt, dass wir – mit verschiedenen Gitarrensounds – ein für uns sehr anderes Album machen konnten. Etwa indem es auf dem ganzen Album eben kein Banjo mehr gibt – was für uns einen großen Unterschied machte."

Bei den besagten Produzenten handelt es sich um Matt Peters und Matt Schellenberg von der Band Royal Canoe, die sich als Produzententeam Deadmen einen Namen gemacht haben.

„Genau – deren Idee war es auch. Die Bläser einzusetzen. Alasdair unser Bassist arbeitet viel mit den Bläsern, die von einer Band namens Dirty Catfish Brass Band stammen und hat sie mit an Bord gebracht."

Ist das Album irgendwie von der Pandemie beeinflusst worden?

„Nun, das ganze Album war schon vor der Pandemie aufgenommen und gemischt worden“, erinnert sich Michelle, „stimmungsmäßig hat uns die Pandemie also nicht beeinflusst. Es war uns dann nur wichtig, das Material so lange zurückzuhalten, bis wir es auch live spielen könnten. Es hat uns dann Spaß gemacht, während der Pandemie herauszufinden, wie wir das Album live spielen könnten – welche Teile der Produktion es zu übernehmen galt und welche nicht. Das war eine gewisse Herausforderung. Beispielsweise hat unser Drummer, Sandy Fernandez ein System entwickelt, mit dem er die ganzen Keyboard-Sounds mit Pads triggert."

Gab es bestimmte Inspirationsquellen für das neue Album? Einige der Songs scheinen zum Beispiel einen gewissen Gospel-Touch zu haben.

„Oh ja, das stimmt schon“, bestätigt Michelle diese Vermutung, „insbesondere der Gospel-Aspekt ist da, denn Jesse's Stimme ist schon sehr kraftvoll und unsere Gesangsharmonien klingen dann automatisch nach Gospel. Das wird also immer so klingen – egal wer uns produziert. Es ist schwer, sich nach so langer Zeit an alles zu erinnern – aber wir haben auf jeden Fall ein wenig Andy Shauf und Afie „Bahamas“ Jurvanen gehört, als wir an den Songs arbeiteten."

Das ist witzig, da es sich dabei ja auch um zwei angesagte kanadische Acts handelt. Da scheint also einen gewissen musikalischen Patriotismus – was cool ist, denn viele kanadische Acts orientieren sich ja vorzugsweise an ihren US-Kollegen.

Wie arbeiten Jess, Amber und Michelle musikalisch zusammen? Wer die Band schon ein mal Live gesehen hat, wird bestätigen können, dass die drei Damen eigentlich recht unterschiedliche Charaktere verkörpern.

„Das ist eine gute Frage“, zögert Michelle, „manchmal ist es so, dass Jess oder Amber mit Teilen eines Songs daherkommen. Manchmal sind die Songs aber auch schon fertig geschrieben und wir ändern dann nur einzelne Teile. Manchmal setzen wir uns aber auch zusammen und schreiben zusammen einen Song. Es ist dabei aber immer die Frage wann es sich lohnt, etwas zu ändern oder rauszuschmeißen. Zum Glück wissen wir, wie wir drauf sind und denken und können uns immer schnell einigen, ohne uns zanken zu müssen. Was unseren Act zusammenhält ist – meiner Meinung nach – unser gemeinsamer Gesang. Es ist so schön zusammen singen zu können – was wir jetzt schon 10 Jahre tun - und wir kennen unsere Stimmen. Ich singe zum Beispiel die hohen Partien. Ich kann zwar im Takt und im Ton singen, bin aber nicht so gut wie Amber und Jess, weswegen ich keine Lead-Vocals singe. Aber dennoch ist unsere Verbindung der Gesang – das und vielleicht der Umstand, in der Lage zu sein, verschiedene Instrumente zu spielen und sie miteinander arbeiten und klingen zu lassen. Das ist schon sehr speziell für uns."

Sweet Alibi nennen ihre Musik ja „Roots Pop“ - was ja implementiert, dass sie sich in einem konventionellen Setting bewegen. Wie haben sie denn in diesem – Michelle's Meinung nach – ihre Identität finden können?

„Also das Songwriting kommt von einer Roots-Basis“, erklärt Michelle, „und auch unsere Stimmen sind sehr rootsy. Aber dann haben wir ja auch Pop-Elemente in unserer Musik. Manchmal arbeiten wir mit Beats, die Synthies sind poppig und dann gibt es ja noch die Bläser. Die Basis ist aber stets das Songwriting."

Wie sehen Sweet Alibi denn ihre musikalische Zukunft?

„Nun, wir haben das Album ja bereits 2020 eingespielt – und für uns fühlt sich das immer noch an wie 2020, obwohl ja inzwischen zwei Jahre vergangen sind und fast schon 2023 vor der Tür steht. Irgendwie ist das alles verrückt. Wir sind noch nicht zusammengekommen, um neue Songs zu schreiben aber ich denke Amber und Jess haben bestimmt schon wieder neue Songs. Wir möchten natürlich als Band weiter wachsen und unser Publikum vergrößern. Ich denke, in der nächsten Zukunft werden wir erst mal eine neue Single veröffentlichen. Das ist nämlich eine interessante Sache, weil man im Studio ganz andere Sachen machen kann, wenn man weiß, dass man eine Single einspielen möchte. Und jetzt werden wir erst mal so viel wie möglich Live-Spielen. Im April haben wir die Scheibe erstmals komplett live gespielt und konnten sogar die Bläser mit auf die Bühne nehmen. Jetzt touren wir zunächst in Kanada, wollen aber im Juni auch nach Deutschland kommen."

Aktuelles Album: Make A Scene (Comino Production / Broken Silence)

Foto: Buio Assis

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