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CHANTAL ACDA

Die kleine Anarchistin

CHANTAL ACDA

Wer die Laufbahn der belgischen Songwriterin Chantal Acda über die Jahre verfolgt hat, dem dürfte aufgefallen sein, dass sich Chantal zwar fortwährend musikalisch weiterentwickelt und neu aufstellt hat – ohne dass dabei Kalkül oder Konzept zu erkennen wären - sondern nur Aufgeschlossenheit, Wagemut und musikalische Neugier. So begann sie ihre Laufbahn mit dem folkigen Sleepingdogs-Bandprojekt, schloss sich dann mit Chris Eckman und Drummer Eric Thielemans zu dem Americana-Songwriter-Trio Distance, Light & Sky zusammen und agierte nebenher stets in eigener Sache – entweder mit Neo-Klassik- und Ambient-Künstlern wie Peter Broderick oder Nils Frahm, oder in avantgardistischer Richtung mit Gästen wie Bill Frisell und auf dem neuen Album „Saturday Moon“ auch Alan Sparhawk von Low, dem Tom Waits-Bassisten Shahzad Ismaily oder dem afrikanischen Gitarristen Rodriguez Vangama. Dabei war es zunächst gar nicht geplant, das neue Werk als kollaboratives Projekt zu gestalten.

„Saturday Moon“ entstand nämlich bereits während der Pandemie. Ist das Album also eine Art Lockdown-Projekt geworden?

„Nun es war nicht als solches geplant – aber tatsächlich ist es dann mein Lockdown-Projekt geworden“, räumt Chantal ein, „ich wollte eigentlich in einem Studio in Prag aufnehmen und alle Beteiligten dorthin einladen. Das war aber unmöglich und insofern musste ich meinen Plan dahingehend ändern, als dass die Beiträge der anderen Musiker an anderen Orten eingespielt werden mussten, während ich alleine mit meinem Mikrofon und meinem Produzenten zu Hause im Studio verweilte.“

Hat sich das denn auch auf die Entstehung der Songs ausgewirkt?

„Ja, das hat es“, bestätigt Chantal, „weil ich ursprünglich vorgehabt hatte, das meiste alleine zu machen und es alles einfach zu halten. Wegen der Isolation fühlte ich mich aber irgendwie von anderen abgekoppelt – und so begann ich, mehr und mehr Musiker einzubinden. Wäre der Lockdown also nicht gewesen, hätte ich bestimmt nicht mit so vielen Musikern zusammengearbeitet.“
Chantal scheint ja jedes neue Projekt auf eine andere Weise anzugehen. Was ist eigentlich ihr Anspruch diesbezüglich?

„Die Musik ist jeweils ein Spiegel dessen, was mich ausmacht“, überlegt Chantal, „ich bin ja keine irgendwie fixierte Person. Ich verändere mich und ich forsche gerne nach neuen Dingen. Meine letzte Scheibe 'Púwawau' war zum Beispiel für mich eine Art Forschungsarbeit. Ich wollte meine Stimme freisetzen und schauen, was ich damit anfangen konnte. Jede Scheibe hat für mich diesen Hintergrund. Ich versuche niemals, mir vorher zu überlegen, welche Art von Scheibe ich als nächstes machen könnte. Es kommt sowieso immer etwas anderes dabei heraus. Vielleicht habe ich ja mehrere Persönlichkeiten, mit denen ich mich arrangieren muss?“

„Saturday Moon“ scheint dabei deutlich songorientierter ausgerichtet, als etwa Chantals letztes, experimentelles Album „Púwawau“. Woran macht sie dann eigentlich fest, in welche Richtung sich ein neues Album jeweils entwickelt?

„Es ist nicht so, dass ich mich wirklich hinsetzen kann, um einen Song zu schreiben“, gesteht Chantal, „beim ersten Stück des neuen Albums, 'Conflict Of Mind', habe ich zum Beispiel einfach notiert, was mir als erstes in den Sinn kam, als ich an dem Song herumprobierte. Erst dann habe ich mir angeschaut, was ich geschrieben habe und erst dann auch nach einem Sinn gesucht.“

Das heißt also, dass Chantal ihre eigenen Songs interpretieren muss?

„Ja“, bestätigt Chantal, „denn erst wenn ich mir das anschaue, was ich geschrieben habe, spüre ich, dass das auch genau das ist, was ich in dem Moment gefühlt habe – ohne dass ich das selbst in Worte fassen oder in einer Geschichte ausdrücken könnte. Das Ganze geschieht also rein instinktiv und ich muss zugeben, dass ich mich zuweilen wie eine kleine Anarchistin fühle, wenn ich rückwirkend aus meinen Texten den Sinn zu erkennen suche, um dann daraus erstaunliche Texte zu fabrizieren.“
Ist das vielleicht dann auch Chantals Art, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren?

„Ja, denn im alltäglichen Leben fühle ich mich unter Menschen oft einsam“, gesteht Chantal, „und ich denke nicht, dass ich da die einzige bin. Es finden sich ja doch oft einsame Seelen und die Musik ist in der Hinsicht unglaublich kraftvoll, als dass sie alle zusammenbringt, ohne dass man sich selbst bewusst darum kümmern muss. Das habe ich immer im Hinterkopf.“ 
Letztlich führt das dann dazu, dass auch „Saturday Noon“ kein typisches Chantal Acda Album geworden ist – weil es so etwas schlicht nicht gibt – sondern eines, auf dem besonders viele Facetten der Varianten- und Ressourcenreichen Songwriterin zu finden sind.
chantalacda.com
Video „Wolfmother“ www.youtube.com/watch?v=5mBjh6vXJKc

Video „Saturday Moon“ www.youtube.com/watch?v=zYgDv18Zyj0

Video „Disappear“ www.youtube.com/watch?v=1K07LGVVbdc



Aktuelles Album: Saturday Moon (Glitterhouse)

Foto: Jurgen Augusteyns

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