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SILBERMOND

Laminat als Luxus

SILBERMOND

Wenn sich eine Band nach dem zweiten Album nicht auflöst, steht sie vor einem Problem: dem dritten Album. Dieses wird allgemein als das schwierigste bezeichnet. Ob diese Feststellung eine haltlose ist oder doch einen Funken Wahrheit in sich trägt, soll nicht entscheidend sein. Wichtig ist, dass sich Bands und Künstler regelmäßig an ihrem Drittwerk aufreiben, ausprobieren, umorientieren, neu positionieren oder auch gern zurückbesinnen. Der von Silbermond in dieser Situation gewählte Ansatz war schlicht, aber nicht einfach: Mal so zu tun, als wäre „nichts passiert“.

Ihr Hauptquartier ist für Berliner Verhältnisse recht weit draußen. Irgendwo im Osten, in Tarifzone C, zwischen Wellblech-Palast und fescher Platte, öffnet sich hinter einem schweren gusseisernen Tor das Silbermond-Universum. Im Vorraum der Geschäfträume wird telefoniert und gewuselt, im hinteren Zimmer sitzen Stefanie, Nowi, Johannes und Thomas. Die versammelte Mannschaft steht für Fragen und Antworten zur Verfügung, nicht nur Kapitänin Kloß. Das überrascht, ist aber eine ganz bewusste Entscheidung, so Stefanie: „Wir machen ja auch die Musik gemeinsam, treffen Entscheidungen zusammen und fahren gemeinsam auf Tour. Wir vier sind eine Band. Natürlich wird hier immer viel auf die Sängerin projiziert, aber ich allein bin doch nicht die Band.“

In diesem Sinne erzählen auch die Herren dieser Schöpfung zunächst einmal über das, was sich bei dieser Band in der jüngsten Vergangenheit alles abgespielt hat. Denn den Albumtitel ihres neuen Albums als das Programm der letzten eineinhalb Jahre zu verstehen, wäre irreführend. Es ist nämlich eigentlich sehr viel passiert, auch wenn Schlagzeuger Nowi das anfänglich zu relativieren weiß:

„Eigentlich gibt es keinen Unterschied zu unserem Album davor. Man macht als Band Musik, man geht in den Proberaum, schreibt die Songs und so weiter und so weiter. Daran hat sich nichts verändert. Aber wenn man bereits zwei Alben gemacht hat, wird das ganze schon etwas schwieriger.“

Was er nur andeutet, ist der große und von so vielen Bands gefürchtete Schritt zum dritten Album. Ob bäuerliche Bandweisheit oder ein empirisch nachweislicher Kasus Knaxus im Lebenswerk einer Band - für Silbermond war Album Nummer drei definitiv kein Zuckerschlecken. Selbstredend einmal aufgrund bestimmter und nicht zu verleugnender Erwartungen von außen, aber auch aufgrund eines inneren Drucks. Anvisierte Ziele und vage Visionen treffen da schnell auf knochentrockene Erfahrungen und die nüchterne Realität.

„Wir wollten natürlich im ersten Schritt auf dem aufbauen, was wir uns bis dahin aufgebaut hatten. Aber selbst das ist schon zu viel Zwang, zu viel Druck, den man sich selber auferlegt. Als wir mit dem Songwriting für das neue Album angefangen haben, ist uns schnell klar geworden, dass wir uns von solchen Gedanken freimachen müssen.“

Silbermond wollten den Reset-Knopf drücken und die Strukturen, die sich bis dato gebildet hatten, aufgeben, um sich von der eigen und gewohnten Art des Songschreibens zu lösen und einen Schritt weiterzuwagen.

So etwas kann dauern. Speziell der Versuch, den dicken Kopf sofort durch die Wand zu rammen, um im nächsten Raum das Erhoffte zu finden, geht meistens nach hinten los. Deshalb gingen Silbermond einen Schritt zurück, zu den Wurzeln des Alltäglichem. Denn schließlich darf man nicht vergessen, dass sich der Kosmos dieser vier jungen Menschen vor einigen Jahren rapide gewandelt hat. Kurz nach dem Abi, dem Zivildienst oder Zwangsstudium (je nach dem) ging der Trubel für sie los, geriet die Bautzener Bürgerlichkeit aus ihren Angeln. Seither ist der Alltag anders, gehen die Dinge hier einen anderen Weg. Eine Grundvoraussetzung für das neue Album war deshalb, in diesem verlorenen Alltag neue Energie zu sammeln.

„Wir haben endlich mal wieder Zeit mit Freunden verbracht, sind mal ins Kino gegangen, haben gekocht oder Laminat verlegt. Wir wollten einfach mal wieder etwas tun, das nichts mit Musik zu tun hat. Das waren oftmals ganz banale Dinge, aber genau diese haben dich kopfmäßig dann auf ein anderes Level abseits von Musik gebracht – das tat uns sehr gut.“

In diesem einfachen Ansatz liegt für Thomas, dem kreativen Kopf, auch der wesentliche Unterschied zu all dem, was Silbermond vor „Nichts passiert“ gemacht haben: die vorbereitende Reinigung, das Krafttanken ohne Musik, um sich danach wieder voll und ganz in sie stürzen zu können.

Um sich freizumachen, zogen sich die vier zurück. In einem Ferienhaus am Ossiacher See in Kärnten sollten die ersten Schreibversuche nach „Laut Gedacht“ unternommen werden. Ergebnis: Keiner der Songs, die dort im Ansatz entstanden sind, kann man auf dem neuen Album hören. Aber darum ging es bei diesem Ausflug in die Abgeschiedenheit und Idylle letztlich auch nicht. Vielmehr ging es um das Abschalten, um gemeinsam Spaß am Musikmachen zu haben.

„Wir waren zunächst total verkrampft und mussten uns erstmal locker machen, die ganzen Erwartungen einfach abschütteln“, schaltet sich Stefanie unaufdringlich in das vermeintliche Männergespräch ein. „Und wenn es nicht sofort flutscht, fragt man sich sehr schnell, ob man es vielleicht verlernt hat, Songs zu schreiben.“

Solch ein Krampf macht kaputt und muss weg, auch wenn der Weg dorthin beschwerlich ist. Aber die selbstgeschaffenen Umstände dieser Band gaben ihnen Rückhalt und einen guten Ausgangspunkt. Denn Silbermond setzen sich ihre Ziele und Grenzen selbst. Das ist kein unwesentlicher Aspekt, denn Druck ist nicht gleich Druck: Kommt er von außen, ist er nicht selten negativ und kontraproduktiv. Kommt er hingegen von innen, ist er als Wille zu verstehen, der das Kreativsein einfordert.

„Unsere Plattenfirma kann keinen Druck auf uns ausüben. Wir bestimmen, wann es ein Album geben wird. Und das ist eben erst dann der Fall, wenn die Songs aus unserer Sicht gut und fertig sind.“

Die Band ist hier der Chef, was man bei solch einem Apparat erstens natürlich relativ betrachten muss, zweitens aber auch nicht immer gesund ist. Speziell letzteren Umstand haben Silbermond gespürt, als der Luxus und die Freiheit, ein Jahr lang immer dann ins nahegelegene Studio zu gehen, wann auch immer man wollte. Stets war alles angerichtet, waren die beiden Produzenten allzeit bereit. Ein Luxus, der gefährlich enden kann. Denn irgendwann verliert man sich im Detail und „verschlimmbessert alles nur noch“, so Thomas, der im Zuge dieses Albums sehr viel Arbeit in die Vorproduktion der Stücke gesteckt hat. Aber als der erste Krampf überwunden war und das freiheitliche Treiben seine neu gesteckten Grenzen kannte, gab es „ein kreatives Feuerwerk. Wir haben versucht, andere Weg zu gehen und die Silbermond-Musik für uns neu zu erfinden.“

Andere Wege, die sich gegen die eigene Wiederholung richten und mal weg von dem gewohnten Ansatz und der klassischen Umsetzung führen sollten. Vorprogrammierte Beats wurden als Basis genommen, um die Rhythmussektion mal anders ticken zu lassen. In der unerschöpflichen Welt der Soundsurrogate wurde herumgekramt, um andere Felder zu füllen. Man wollte einfach anders an das eigene Spiel herangehen, um zu schauen, was einem dort erwartet, wenn man um die Ecke denkt. Nowi ist noch heute begeistert davon, diesen Weg eingeschlagen zu haben: „Es ist in keinem Fall so, dass wir vorher den Spaß an der Musik verloren hätten. Aber es war für uns schon ein wichtiger frischer Wind, diese Vorproduktion in Eigenregie zu starten.“

Danach ist es auch egal und völlig legitim, dass man erneut auf die altbekannten Produzentenhände und -ohren zurückgegriffen hat. „Das war uns sogar sehr wichtig. Wir wollten diese eingespielte Routine mit den beiden positiv für unseren neuen Schritt nutzen. Es hat in der Vergangenheit immer super gepasst - warum sollte man so etwas aufgeben?“

Vielleicht, um die Neuausrichtung noch etwas konsequenter zu vollziehen. Aber dafür läuft der erwähnte Apparat natürlich viel zu geschmiert. Nichtsdestotrotz haben Silbermond es geschafft, sich dem Krampf im eigenen Haus zu entziehen, den selbstgewählten kreativen Wünschen zu folgen und in ihren Dimensionen zurück zu einer bestimmten Form von autonomer Unbedarftheit und positiver Naivität zu gelangen.

„Wir wollten so an dieses Album herangehen, als wäre nichts passiert.“

Und das haben Silbermond geschafft, weil sie als Band funktionieren.

Aktuelles Album: Nichts Passiert (Sony/BMG) VÖ.: 20.03.

Foto: Olaf Heine

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