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GGLUM

Willkommen in der Traumzeit

GGLUM

Sich einen Künstlernamen wie „gglum“ zu geben, zeugt ja schon irgendwie von einer gewissen Genialität. Dabei ist die Sache recht einfach zu erklären: „glum“ - also „betrübt“ war die Gemütslage, in der sich die Londoner Songwriterin Ella Smoker befand, als sie im Alter von 18 Jahren begann, erste eigene Songs – wie z.B. ihre Debütsingle „Why I Don't Care“ - zu schreiben und auf Spotify hochzuladen. Als Alternativen hätten da noch Stimmungen wie „angsty“ oder „depressed“ zur Verfügung gestanden – typische Coming-Of-Age-Mindsets also. Stattdessen kam Ella auf die Idee, dem „glum“ ein zweites „g“ voranzustellen – um die Sache etwas interessanter zu machen und (wichtiger noch) sicherzustellen, dass sie sich im Web überhaupt finden ließe. Heutzutage (ganze 4 Jahre später) fühlt sich Ella mit der Veröffentlichung ihres Debüt-Albums „The Garden Dream“ deutlich ausgeglichener und glücklicher, auch wenn ihre Songs immer noch ziemlich „glum“ klingen, wie sie einräumt. Für sie liegen die Anfangstage also schon lange zurück. Alle anderen wundern sich dann vielleicht, wie eine so junge Person in einer so kurzen Zeitspanne einen so interessanten, vielseitigen Mix aus so ziemlich allen Spielarten des Indie-Pop – insbesondere Schrammel-, E-, Dream- und Folk-Pop-Elementen – hinbekommen konnte, wie das Ella Smoker – pardon: gglum – gelungen ist.

In Ella's Songs geht es ja – wie schon gesagt - nach wie vor eher betrübt, düster und nachdenklich zu – auch wenn die Musik fröhlicher rüberkommt und sie selbst auch heutzutage tatsächlich glücklich und ausgeglichen wirkt. Hängt das damit zusammen, dass sie Musik als Mittel der Therapie betrachtet?

„Ja klar“, bestätigt sie diese Vermutung, „warum soll man denn schon für die Therapie bezahlen? So ist es doch viel billiger."

Der Titel des Albums „The Garden Dream“ legt es nahe, dass Ella ihre Inspirationen – zumindest teilweise – aus ihren Träumen bezieht. Ist diese Vermutung richtig?

„Ja genau“, erklärt Ella, „mir war das selbst gar nicht so klar, als ich das Album schrieb – denn ich versuche immer noch alles für mich zu entschlüsseln und bin ohne großen Plan an die Sache herangegangen – aber zu der Zeit, in der ich die Songs schrieb, hatte ich immer sehr seltsame Träume. Das sind aber nicht einfach nur seltsame Träume, sondern das ist zuweilen alles unheimlich, gewalttätig und explizit. Das finde ich ziemlich bizarr, denn tatsächlich habe ich so etwas, wovon ich dann träume noch nie gesehen und ich wundere mich immer darüber, wie mein Hirn in der Lage ist, so etwas zu erfinden. Ich hatte zu der Zeit also viele Probleme mit meinen Träumen und dachte, dass sich mein Unterbewusstsein sich einen Spaß mit mir erlauben wollte, weil ich mich den Dingen in meinem Leben nicht stellen wollte. Der Gartentraum war schon einer der viszeraleren Träume, die ich hatte. Ich habe das noch niemandem erklärt, weil das so eine kaputte Sache ist. Es ging in etwa darum, dass ich in einem Garten eingegraben war – für sechs Monate - und nur mein Kopf noch aus der Erde hervorlugte. Die ganze Zeit, in der ich die Songs für dieses Album schrieb, fühlte sich für mich so an, als wäre ich in dieser Welt gewesen, so dass ich Bilder daraus verwendete und über den Ort nachdachte, an dem dieser Traum stattgefunden hatte. Das hat sich dann mehr oder minder versehentlich in meine Songs eingeschlichen."

Heißt das denn, dass Ella durch diese Träume etwas über sich selbst gelernt hat?

„Ja, ich denke doch“, meint sie, „ein Freund auf der Schule hat mir mal gesagt, dass man besser auf seine Träume hören und sich nicht mit seinem Unterbewusstsein anlegen solle. Denn wenn man sein Unterbewusstsein missinterpretiere, würde es sich eines Tages rächen. Daran habe ich mich dann auch gehalten, denn ich konnte ja eh schon immer schlecht schlafen, weil ich mich vor meinen Träumen gefürchtet habe. Ich denke aber auch, dass die Träume sowieso Metaphern für Dinge enthalten, die in Deinem Leben vor sich gehen."

Wie wichtig sind Ella in diesem Zusammenhang denn Orte?

„Sehr wichtig denke ich“, bestätigt sie, „ich realisiere das selber erst zur Zeit – aber tatsächlich geht es immer um Orte in meinen Songs. Und eben Erinnerungen und Träume.“

Muss man dann diese Erinnerungen und Träume noch verschönern?

„Definitiv“, meint Ella, „wer macht das denn nicht? Ich denke, jeder macht das. Es ist ja auch so, dass Songs zu schreiben und Musik zu veröffentlichen schon eine ziemlich selbstgefällige Sache ist. So sehe ich die Sache jedenfalls – alle mal herhören! Es ist da schon das Ego im Spiel. Man bläst dann schon das eine oder andere mächtig auf um es interessanter zu machen. Das ist die Natur der Songwriter – wir sind schon ganz schön nervig!"

Was triggert Ella denn auf der musikalischen Ebene? Die Liste ihrer Referenzen umfasst ja eine große Spannbreite an Vorbildern und umfasst so unterschiedliche Sachen wie The Microphones, Alex G, Elliott Smith, The Clash oder Gillian Welch – alles nicht gerade Acts aus ihrer eigenen Generation.

„Also wenn ich ins Studio gehe, dann tue ich das ohne eine klare Vorstellung“, gesteht Ella, „ich überlege mir vielleicht einen Song, der mir gefällt, von dem ich dann etwa die Stimmung emulieren oder die Geschwindigkeit aufgreifen könnte. Für gewöhnlich quatsche ich dann mit dem Produzenten und wir fangen dann irgendwann an, etwas zu schreiben. Ich weiß schon, dass das ein seltsamer Ansatz ist. Das passiert recht schnell und manchmal gibt es da auch einen richtigen Blackout. Einen Masterplan gibt es nicht direkt. Aber wir haben eine Referenzliste von Songs gemacht, die uns gefielen – aber dann haben wir einfach losgelegt. Ich bin ein Fan davon zu sehen, was passiert und nicht davon, alles gründlich durchzuplanen. Ich gehe gerne blind an die Sache heran und schaue, was dabei herauskommt – und das sind für gewöhnlich die Dinge, die ich am wenigsten erwartet hätte. Kleine Fehler mag ich dabei am liebsten."

Und was macht dann einen guten Song aus?

„Ich denke, dass es für mich etwas ist, was ich mir immer wieder gut anhören kann“, überlegt Ella, „ich gebe der Sache immer eine Minute, wenn ich mir etwas anhöre – und wenn ich es dann immer und immer wieder anhören möchte, dann ist das für mich ein guter Song. Es gibt aber auch Songs, die ich jetzt gar nicht mal so brillant fand, die aber andere sehr mochten, weil sie darin andere Werte sahen als ich. Ich denke es ist halt alles sehr subjektiv. Manchmal hat man halt ein gutes Gefühl bei einem Song – und manchmal überrascht Dich einer."

Wie sieht sich Ella selbst als Songwriterin?

„Letztlich ist es eine sehr befreiende Sache, als Songwriterin arbeite zu können“, führt Ella aus. „man kann dann ja kontrollieren man tut und machen was man will. Das ist sehr erfüllender Beruf – auch wenn es Dinge gibt, die man vielleicht nicht so gerne macht. Insgesamt schätze ich mich schon glücklich die Freiheit zu haben, so etwas machen zu können. Immerhin ist das ja so, dass ich den ganzen Tag ungestraft über mich selbst jammern kann - und das ist schon ganz schön ungewöhnlich. Ich habe jedenfalls keinen Grund mich irgendwie zu beklagen."

Aktuelles Album: The Garden Dream (Secretly Canadian / Cargo)

Foto: Finnegan Travers

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