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PETER HEPPNER

Melancholie und Tanzzwang

PETER HEPPNER

Sechs Jahre ohne Veröffentlichung neuen Materials sind eine lange Zeit, auch für Peter Heppner, der sehr viel lieber direkt nach der Veröffentlichung des vielbeachteten ´My Heart of Stone´ aus dem Jahre 2012 wieder ins Studio gegangen wäre. Dafür gibt es jetzt gleich doppelt auf die Ohren. Zeitgleich veröffentlicht der Ex-Frontmann von Wolfsheim im Spätsommer 2018 zwei eigenständige Alben, die beide seine ureigene Handschrift tragen, dennoch kaum unterschiedlicher sein können. Während ´Confessions & Doubts´ den „bekannten“ Heppner abbildet, überrascht er auf ´Tanzzwang´ mit dancelastigen Songs. Warum es so lange bis zur Vorlage neuen Materials dauerte, dann aber direkt zwei Alben die Pressen verlassen und unter seine zahlreiche Anhängerschaft verbreitet werden, erzählt Peter Heppner im Interview mit der Westzeit.

„Ich habe mich direkt nach der Veröffentlichung von ´My Heart of Stone´ mit Dirk Riegner zusammengesetzt und wir haben dann bis 2014 auch schon alle Stücke geschrieben, die jetzt auf den beiden Alben erscheinen. Dabei hatten wir auch tatsächlich an die 30 Songs, die uns beiden wirklich gefallen haben. Natürlich entstehen beim Songwriting immer wieder neue Ansätze und dadurch auch neue Songs, aber wir hatten tatsächlich so viele Stücke, die wir auch gerne veröffentlichen wollten. Leider kamen mir dann aber gesundheitliche Probleme dazwischen, die mich dazu gezwungen haben, zwei Jahre auszusetzen. Damit ist auch die lange Pause seit 2012 zu erklären, die so von mir gar nicht gewollt war.“

´Confessions & Doubts´ ist der typische Heppner: Melancholisch, einfühlsam und nachdenklich werden Geschichten gescheiterter Beziehungen oder verlorener Lieben erzählt, die eben eigene Bekenntnisse und Zweifel kreisen lassen. Da stellt sich schon die Frage, ob du in deinem Leben schon oft enttäuscht wurdest.

„Ich schreibe wirklich ganz, ganz selten autobiographisch. Die Geschichten und Situationen, die ich erzähle, sind nicht aus meinem eigenen Leben. Die Gefühle, die ich in meinen Texten ausdrücke, sind es aber schon. Natürlich bin ich in meinem Leben schon enttäuscht worden, ansonsten würde ich das so auch gar nicht rüberbringen können. Aber mal ehrlich, wenn ich alles, was ich bisher so geschrieben habe, auch tatsächlich am eigenen Leib erspürt hätte, was für ein fürchterliches Leben müsste ich haben, so ist es ja nun wirklich nicht.“

Grundsätzlich spielen solche Texte bei dir ja immer eine recht große Rolle, wie kommst du auf diese Themen?

„Es ist schon so, dass mich diese Themen auch schon immer bei anderen Musikern besonders beeindruckt haben. Offensichtlich gelingt es mir ganz gut, mich in diese Gedanken und Gefühle hineinzuversetzen. Mich packt das dann einfach, und ich bastle so lange an einem Song, bis es mich auch wirklich berührt, bis es mir weh tut. Wenn ich merke, dass mich meine Texte selbst so tief bewegen, dann weiß ich auch, das ich auf dem richtigen Weg bin.“

´Unloveable´, der Opener von ´Confessions & Doubts´ drückt eigentlich genau aus, was du gerade sagtest. Ein wirklich großer Song mit ganz starken Gefühlen.

„´Unloveable´ läuft bei mir auch gerade auf Dauerschleife, das ist nicht nur der Opener, sondern wirklich derzeit auch mein absolutes Lieblingslied auf der Platte. Dabei hatte ich das Instrumental eigentlich schon ad acta gelegt. Irgendwie habe ich an dem Song jahrelang rumgeschrieben, und bin irgendwie nie damit zurande gekommen, weil mir einfach der Gesang für den Refrain fehlte. Dann hat mein Produzent irgendwann mal eine Nachtschicht mit dem Song eingeschoben, und als ich dann am nächsten Tag sein Demo gehört habe, habe ich den Text in einem Rutsch runtergeschrieben. Es gibt so Songs, da hat man das Gefühl, das schreibt man gar nicht selber, da hält man nur den Stift. Das Lied ist dann, mit diesem Kick, den ich brauchte, einfach passiert. Als ich es dann zum ersten Mal in einem durchgesungen habe, hatte ich tatsächlich Schwierigkeiten, weil es mich dann sehr, sehr, sehr berührt hat.“

Zwanzig Jahre nach ´Die Flut´ gibt es wieder einen gemeinsamen Song mit Joachim Witt, auf der neuen Platte macht ihr ´Was bleibt´ zusammen. Das Flut-Jubiläum war jetzt aber nicht der Grund für diesen Song?

„Nein, nein, wir haben die Songs ja auch schon viel früher geschrieben, das ist mehr oder weniger Zufall, dass ´Was bleibt´ ziemlich genau 20 Jahre nach „Die Flut“ erscheint. Joachim hat mir schon vor ein paar Jahren das Stück geschickt. Es war auch nicht das erste Stück, das ich von ihm bekommen habe, aber dieses Lied hat mich so gepackt, dass ich das unbedingt mit ihm machen wollte. Allerdings gab es dann die eine oder andere Schwierigkeit zu überwinden, da auch Joachim bei seiner Plattenfirma im Wort stand. Ich wollte das Stück aber auch nicht einfach so im luftleeren Raum als Single veröffentlicht wissen, sondern schon im Kontext eines Heppner-Albums. Joachim Witt hat das Stück dann in einer anderen Version bereits auf seiner Platte veröffentlicht, aber die Ursprungsversion erscheint eigentlich erst jetzt auf meinem neuen Album.”

´Tanzzwang´ wird zeitglich mit ´Confessions & Doubts´ veröffentlicht. Auch wenn hier Dance draufsteht und auch sicher im Vordergrund steht, die Texte sind gewohnt persönlichkeits- und gesellschaftskritisch. Kein Album also, bei dem man das Gehirn abschalten sollte.

“Absolut, das ist auch genau so gewollt. Nur weil es Tanzmusik ist, heißt es ja nicht, dass man den Kopf ausschalten soll. Es ist mir durchaus wichtig, zu zeigen, dass sowas funktioniert. Gott Sei Dank gibt es mittlerweile ja auch andere gute Beispiele, die beweisen, dass sowas geht.”

Wenn man die beiden Alben gehört hat, kann man sich auch vorstellen, warum es kein Doppelalbum geworden ist.

„Genau, wir hatten einfach so viele gute Stücke vorliegen, dass es zu schade gewesen wäre, wenn die Hälfte davon irgendwann im Mülleimer gelandet wäre. Grundsätzlich finde Doppelalben aber ziemlich schwierig, ich habe es ganz selten erlebt, dass sowas gut funktioniert. Okay, es gibt sicher Ausnahmen, Pink Floyd verarbeitet in ´The Wall´ die gesamte Lebensgeschichte als Konzept, dann gibt das Thema auch ein Doppelalbum her, aber für meine Stücke wäre das sicher nicht der richtige Weg gewesen.“

Ihr habt dann einen sehr spannenden Weg gewählt, dieses Tanzalbum zu produzieren.

„Wir hatten verschiedene Ideen, auch z. B. ein englischsprachiges und ein deutschsprachiges Album zu veröffentlichen, was mir aber, ehrlich gesagt, nicht so wirklich recht war. Ich mag den fließenden Wechsel der Sprachen. Die Idee mit dem Dance-Album war verbunden mit der Vorstellung, diese Stücke auch komplett anders zu produzieren. Ich habe die Demos dann auch ganz aus meiner Hand gegeben, das Label hat Produzenten gesucht, und ich wollte lediglich vorab wissen, für welche Produzenten sich das Label entschieden hat. Das war für mich schon eine interessante Erfahrung, ich bin durchaus ein Kontrollfreak und gebe nicht gerne die Fäden aus der Hand. Ich habe dann auch einige Wochen Nägel kauend und wartend verbracht, bis die Ergebnisse vorlagen. Jedenfalls war ich ziemlich begeistert. „Tanzzwang“ hat schon ein wenig was von einem Sampler, verschiedene Produzenten haben sich meinen Stücken gewidmet und ihren eigenen Sound entwickelt. Die Bandbreite der Produzenten ist sehr breit gefächert. Es sind sowohl ganz junge Künstler dabei, als auch große Namen wie Apoptygma Berzerk oder Schiller.“

Gibt es denn auch noch eine Veröffentlichung der Originaltracks?

„Wir haben die Originale tatsächlich nochmal zusammengefasst und diese Versionen wird es zum Veröffentlichungstag in der Fanbox als zusätzliche CD geben. Dann können auch die Ursprünge nochmal gehört werden, die wir an die Produzenten rausgeschickt haben.“

Deine Alben werden jetzt veröffentlicht, was sind deine Pläne für die Zukunft?

„Wir sind gerade in den Vorbereitungen für die anstehende Tournee und überlegen gerade, wie wir die beiden Alben dann live auf die Bühne bringen werden, um das auch in einer speziellen Art und Weise umzusetzen. Ich freue mich sehr darauf, die Stücke live zu präsentieren und bin schon sehr gespannt auf die Reaktionen.“

Aktuelle Alben: Tanzzwang + Confessions & Doubts (RCA / Sony)

Foto: Mathias Bothor

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