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Die Sterne - Wir sind Agitpop

Auf der neuen Sterne-Scheibe, "Das Weltall Ist Zu Weit", gibt es – nach den eher assoziativ/blumigen Parolen der letzten Studio-Scheibe "Irres Licht" – ungewohnt konkrete, sozialrelevante Aussagen. In allerschönster Politrock- und Protestsänger-Tradition bieten die Jungs eine Art Positionsbestimmung, eine Bestandsaufnahme mit angedeutetem Aufforderungscharakter – allerdings (so weit geht’s dann doch nicht) ohne vorformulierte Lösungen. Die neue Sterne Scheibe ist – wie Frank Spilker und Christoph Leich es formulieren – eine "Agitpop-Platte mit einer deutlichen Sprache".

Woher kommt denn das Bedürfnis, sich wieder konkreter für – oder öfter gegen etwas - aussprechen zu müssen? "Was uns auffiel ist, daß eine Stimme, die etwas deutlich macht, zur Zeit fehlt", meint Frank Spilker und bezieht sich damit auf die aktuelle deutschsprachige Szene, "man könnte sagen, daß Blumfeld sehr deutlich sind – aber die kommen aus einem ganz anderen ästhetischen Kontext und werden dadurch anders wahrgenommen. Und ansonsten ist sehr viel von Befindlichkeiten die Rede und die Kritik ist meistens harmlos. Es gibt da einen Ansatz von Kritik, aber der geht nicht sehr weit. Es ist nicht sehr radikal und das fehlt eben momentan. Das ist unsere Marktlücke, hier einen Schritt weiter zu gehen als z.B. Wir Sind Helden. Das war mir auch wichtig, nicht auf demselben Level zu arbeiten, wo andere schon erfolgreicher sind als wir." Nun scheint es aber so, daß die Texte der aktuellen Sterne weniger konkrete Anweisungen geben, sondern eher den momentanen Zustand beschreiben und auch ein wenig beklagen. Ist dieser Eindruck richtig? "Es ist abstrakt. Ich finde z.B. nicht, daß die Songs NICHT auffordern etwas zu tun", widerspricht Frank, "natürlich ist die Scheibe nicht moralisch – mit erhobenem Zeigefinger. Es geht eher darum aufzuzeigen, daß das, was stattfindet, Verteilungskämpfe sind und man sich wehren muß, wenn man nicht der Verlierer dieser Verteilungskämpfe sein will. Ich finde Stücke wie ‘Standpunkt’ zentral wichtig. Es besagt, wenn ich es interpretieren darf, daß eine Gesellschaft beides – Gewinner und Verlierer – hervorbringt, und das man als Verlierer auch das Recht hat, die Gesellschaft dafür anzuklagen, daß dies so ist. Und daß es eine demographische Größe von Bedeutung ist und daß man nicht - wie speziell in Deutschland oft der Fall ist – in Scham in Grund und Boden versinken darf. Dann hat man nämlich falsch verstanden, was Demokratie bedeutet." Das erklärt auch, warum die Sterne auf der neuen Scheibe – ganz im Sinne eines musikalischen Sprachrohres – oft und gerne in der "Wir"-Form agieren. Das hört sich jetzt aber alles trockener an, als es ist. Denn musikalisch gehen die Sterne auch auf "Weltall" nicht zögerlich vor. Die Scheibe entstand im eigenen Studio und unter eigener Regie und wurde mit möglichst wenig Firlefanz simpel und greifbar umgesetzt. Auf der aktuellen Single, "In diesem Sinn", gibt es eine Bläsertruppe wie bei den legendären "Dexys Midnight Runners", die – so Frank – ja auch eine Agitpop-Band waren. Ansonsten werden Parliament und Wire zitiert und auf dem Sitzblockaden-Stück "Wir rühren uns nicht vom Fleck" gibt sich die ganze Szene – von Fettes Brot über die Helden bis zu Tomte Thees – ein Stelldichein. Die Sterne 2004 schauen also voller Tatendrang und Selbstbewußtsein in die Zukunft. Und wer weiß: Vielleicht kann Musik ja heutzutage doch noch irgend etwas bewirken – auch wenn vielleicht der Weg zu weit erscheinen mag.
© 02. Juni 2004  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Juni 2004

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