
Ein Befreiungsschlag zwischen kathartischem Zorn und unerschütterlicher Hoffnung: Mit ihrem neuen Studioalbum "These Killing Times" bricht Emma Ruth Rundle radikal aus der Isolation aus. Geprägt von antipatriarchaler, feministischer Wut und globalen Krisen tauscht die amerikanische Ausnahmemusikerin auf ihrem inzwischen sechsten Album die intime, solistische Note des niederschmetternden Vorgängers "Engine Of Hell" gegen die ungefilterte Energie eines vollständigen Band-Setups und lässt so überwältigende Intensität auf den Wunsch nach mehr Gemeinschaft treffen.
"These Killing Times" markiert für Emma Ruth Rundle einen weiteren Wendepunkt ihrer musikalischen Evolution, die von beständigem Wandel geprägt war und ist. Frühen Meilensteinen mit Red Sparowes, Marriages oder The Nocturnes folgten eine Handvoll weltweit gefeierter, betont facettenreicher Solo-Veröffentlichungen wie "Marked For Death" oder "On Dark Horses", hochkarätige Kollaborationen mit Größen wie Chelsea Wolfe und Thou und zuletzt auch der Gedichtband "The Bella Vista". Das allein unterstreicht eindrucksvoll, dass sich das künstlerische Schaffen von Rundle seit jeher hartnäckig jeder einfachen Kategorisierung entzieht. Das gilt auch für das Mitte September erscheinende neue Werk.In starkem Kontrast zu der nackten Intimität von "Engine Of Hell" aus dem Jahr 2021 wurde das neue Werk von Anfang an mit der Wucht einer kompletten Band im Hinterkopf konzipiert. Rundle stellt sich darauf den erdrückenden Lasten unserer Welt der Gegenwart, ohne sich jedoch der Verzweiflung geschlagen zu geben: Lieber tauscht sie lähmende Isolation gegen die heilende Kraft der Zusammenarbeit ein und findet inmitten globaler Erschütterungen kollektive Hoffnung in der gemeinsamen Erfahrung. Diese philosophischen und klanglichen Leitmotive durchziehen nicht nur die neuen Stücke, sondern definieren auch ihr aktuelles Selbstverständnis als Künstlerin. Dabei hat sich auch die Rolle, die die Musik im Leben der 42-jährigen, ursprünglich aus Los Angeles stammenden Musikerin spielt, tiefgreifend verändert.
"Als ich jung war, hatte sie viele Zwecke", erinnert sie sich im WESTZEIT-Interview. "Eine Identität zu etablieren, einen Sinn zu finden und auch einen Weg zu suchen, von Menschen akzeptiert und geliebt zu werden. Außerdem bot das gemeinsame Musikmachen mit anderen Kindern ein Gefühl von Gemeinschaft. Über die Jahre hinweg blieben all diese Dinge bestehen und sind zu einem essenziellen Teil dessen geworden, wer ich bin – zu einer Sprache und einem geistigen Raum, in dem ich das Leben und die Lebenserfahrungen interpretiere. Es ist wohl eine Art philosophisches Labor! Das Musikmachen ist ein Weg, sich mit anderen Menschen zu verbinden, eine Möglichkeit, Gefühle zu spüren, und mittlerweile ist es ja auch mein Beruf. Das entwickelt sich also ständig weiter!"
In all den Jahren hatte die Beschäftigung mit Musik für Rundle auch oft einen gewissen therapeutischen Charakter. Die Erkenntnis, dass Klang einem emotionalen Befreiungsschlag gleichen kann, war für sie jedoch kein schleichender Prozess, sondern eine fundamentale Urgewalt, die sie von der ersten Sekunde an spürte:
"Als ich das erste Mal ein Instrument in die Hand nahm, war das Gefühl fast augenblicklich da", erinnert sie sich. "Ich fühlte, dass es mir eine Stimme gab, weil es einfach extrem ermächtigend ist, Musik spielen zu können. Ich denke, das rührt daher, dass ich als Kind Musik gehört habe und sie bei mir einen so großen Eindruck hinterlassen hat: Ich wollte diesen Raum unbedingt betreten. Wenn man diese Fluttore erst einmal öffnet und es herauszuströmen beginnt, ist das überraschend und intensiv."
In einer Musiklandschaft, in der viele Kunstschaffende ihre Integrität für eine größere Reichweite opfern, ist Rundle eine unbestechliche Instanz. Angesprochen auf diese kompromisslose Haltung stellt sie klar, dass es ihr dabei vor allem um den Schutz ihrer künstlerischen DNA geht. Sie möchte ihren Idealen treu bleiben.
"Das ist mir wichtig", unterstreicht sie. "Ich hatte durchaus schon Gelegenheiten, bei denen mir die Aussicht auf größeren Erfolg vor die Nase gehalten wurde. Aber ich denke, ich habe ein gewisses Set an Werten, und je älter ich werde, desto besser weiß ich, was diese Werte sind. Es ist mir wichtig, die Art und Weise, wie ich Dinge tue, zu beschützen und meine Authentizität bewahren zu können. Das soll nicht heißen, dass alle anderen Künstlerinnen und Künstler, die erfolgreicher werden oder ein größeres Publikum erreichen wollen, das zwangsläufig einbüßen. Ich glaube nur, dass die Musik, die ich mache, in einem kleineren Rahmen sehr effektiv ist. Etwas wie 'Engine Of Hell' funktioniert nicht in einem Stadion, weil es um Verbindung geht. Die Art von Musik, die ich mache, ist in großem Rahmen in dieser Form nicht wirksam, glaube ich. Andere Leute machen Musik, von der ich denke, dass sie auf großer Bühne sehr mitreißend ist, aber meine ist vielleicht intimer?"
Vielleicht auch deshalb hat Rundles neues Album etwas von einem Manifest. Während "Engine Of Hell" einem lyrisch und musikalisch im Vorfeld ausgedachten Konzept folgte, wirkt "These Killing Times" bisweilen wie eine ungezähmte Echtzeit-Reaktion auf eine Welt in Flammen.
"Als ich anfing, die Songs für die neue Platte zu schreiben, wollte ich eigentlich ein hoffnungsvolles und fröhliches Album machen, aber das war schlichtweg unmöglich", erinnert sie sich. "Es gibt schon hoffnungsvolle Momente auf der Platte, aber ich kam an den Punkt, an dem ich mich fragte: Wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, was macht dann noch Sinn? Wir stehen jetzt an einem Scheideweg auf dem Planeten Erde, wo kein Raum mehr ist, sich mit introspektiven Dingen auseinanderzusetzen. Es geht vielmehr um die Frage, in was für einer Welt wir leben wollen."
Die unübersehbaren Folgen des Klimawandels, die in Los Angeles dazu führten, dass unkontrollierbare Waldbrände ganze Stadtviertel vernichteten, die Bilder von extremer Gewalt aus dem Gazastreifen und der alltägliche Wahnsinn, den Donald Trump und sein Gefolge entfachen, führten sie zu der Erkenntnis, dass es unwiderruflich Zeit ist, der Realität ins Auge zu blicken.
Musikalisch und emotional balanciert "These Killing Times" deshalb auf einem messerscharfen Grat zwischen ungezügelter Wut und der Sehnsucht nach Katharsis und Trost.
"In dieser Platte steckt eine Menge Wut, was neu für mich ist – dieses Ausmaß an Wut auszudrücken", gesteht sie. "Aber Wut ist eine Art aktivierende Emotion: Okay, hier ist eine Ungerechtigkeit geschehen und jetzt muss ich etwas dagegen tun, weil die Wut ja irgendwohin fließen muss. Trotzdem muss es aber auch Hoffnung geben, denn wenn es sie nicht gibt, verfällt man sehr leicht in Verzweiflung und gibt einfach auf."
Weil Rundle von sich selbst weiß, dass sie eine Neigung hat, dieser Denkweise zu verfallen, sind die neuen Lieder genauso an sie wie an ihr Publikum gerichtet. Genau das ist der heimliche Trumpf des Albums: Es verweigert sich platten Parolen oder Heilsversprechen. Es bindet die Hörerinnen und Hörer als aktiven Part ein und fordert sie zum eigenständigen Denken auf.
Dass Emma Ruth Rundle auf "These Killing Times" dennoch so mühelos, gefestigt und organisch nach sich selbst klingt wie vielleicht nie zuvor, verdankt sie paradoxerweise nicht dem angestrengten Suchen nach klanglichen Nuancen.
"Es gab viel Spontaneität im Studio, aber ich denke, das kommt einfach vom Älterwerden", erklärt sie. "Ich bin jetzt 42 und durfte so viele Shows spielen und so viele Platten machen. Ich hatte das große Glück, die Gelegenheit zu bekommen, weiter Platten aufnehmen zu können. Nicht alle bekommen diese Chance, sei es, weil sie die Musik aufgeben oder aus welchen Gründen auch immer nicht so lange leben. Ich habe eine Phase in meinem Leben als Mensch und als Frau erreicht, in der ich einfach mehr zu mir selbst gefunden habe, und ich denke, es liegt ein Wert darin, einfach das zu tun, was ich tue."
Der fundamentale Drang nach Gemeinschaft, der sich in den Texten manifestiert, hat sich auch auf den musikalischen Produktionsprozess niedergeschlagen. Nach den einsamen, bisweilen seelisch auszehrenden Tourjahren zu "Engine Of Hell" sehnte sich Rundle nach Komplizenschaft:
"Ich habe bei 'Engine Of Hell' und den Tourneen zu dieser Platte in den letzten Jahren eine Menge schwerer Arbeit geleistet – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne", resümiert sie. "Das zu tun, war sehr wichtig für mich persönlich, aber es war auch extrem isolierend: Es gab mir so viel Raum für eine Menge Introspektion. Dabei habe ich gemerkt, dass ich einfach nicht mehr allein sein will. Ich möchte mit Freunden zusammen sein. Ich wollte mit anderen Menschen, mit anderen Musikern zusammen sein. Ich habe die Kameradschaft vermisst. Ich wollte den nächsten zwei Jahren – vor diesem Hintergrund, was in der Welt vorgeht – nicht ganz allein entgegentreten. Ich kann es einfach nicht. Wir sind nicht dafür geschaffen, die ganze Zeit auf uns allein gestellt zu sein. Ich brauche andere Menschen, ich brauche ihre Stärke und ihre Ideen – wir brauchen einander!"
Den gemeinschaftlichen Gedanken setzte Rundle aber nicht nur mit dem Bandsound ihres neuen Albums um. Auch auf der kommenden Tournee zu "These Killing Times", die sie im Herbst kreuz und quer durch die USA führt und im kommenden Jahr auch Europa erreichen soll, soll dieser Gedanke jenseits der Musik umgesetzt werden.
"Wir denken darüber nach, einen Merch-Tisch zu haben, der Zines, Bücher, Community-Ressourcen und solche Dinge bereithält", verrät sie. Geleitet wird sie dabei von einer Frage, die sie sich selbst gestellt hat: "Wenn ich will, dass sich die Welt verändert, wie kann ich sie in meinem eigenen Bereich verändern?"
Am Ende bleibt das Musikmachen für Rundle ein unersetzlicher, lebenslanger Kompass, der sie zwingt, unaufhörlich über den eigenen Tellerrand zu blicken:
"Ich schreibe Lieder, seit ich winzig klein war", sagt sie. "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich das nicht tun würde. Wenn ich versuche, meine Fähigkeiten zu verbessern, erweitert das meinen Horizont auf kreative Weise – indem ich etwas über andere Praktiken lerne und obsessiv in die Arbeit anderer Künstler eintauche, seien es bildende Künstlerinnen und Künstler oder Dichterinnen und Dichter. Das sorgt dafür, dass ich interessiert bleibe und weiterhin neugierig auf die Welt und die Gedanken anderer Menschen bin."
Aktuelles Album: These Killing Times (Errant Child / Cargo) VÖ 18.09.
Weitere Infos: https://www.emmaruthrundle.com/ Foto: Kristin Cofer

