| Sie sind zwar nicht mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack ins hochherrschaftliche Schloss eingezogen, die Menschen aus dem Ruhrgebiet. Vieles aus ihrer unmittelbaren Lebens- und Wohnsituation steht allerdings in den Räumen und hängt an den Wänden im Schloss Oberhausen. Ob aus der Küche oder dem Schlafzimmer, aus dem Bad oder der guten Stube: Was das angebliche Typische aus den Wohnsilos, Eigenheimen und Bergarbeitersiedlungen ausmacht, öffnet sich dem Besucher durch die Interpretation oder den leihweise beigebrachten Originalen. „Wohnen im Ruhrgebiet gesehen durch die Kunst“ sammelt verschiedene Sichtweisen, die auch die eigene Wohnsituation des Publikums zum Vergleich untersucht |
 Wie sah und sieht es aus in den Wohnungen der Arbeiter und einfachen Angestellten an Ruhr und Emscher? Welche Klischees überdauern jede moderne Veränderung Was ist überhaupt „Gelsenkirchener Barock“? Antworten auf diese Fragen geben zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, deren Blick auf den Wohnalltag, die unmittelbare Nachbarschaft der Menschen und die Realität in den Wohnvierteln ungewöhnliche und überraschende Ergebnisse offen legen. Kuratiert von Nina Dunkmann, zeigt sich die Schau nach einjähriger Vorbereitungszeit offen für voyeuristische Museumsbesucherblicke, denn insbesondere diese Sicht durch das Schlüsselloch verändert die Intimität des Dahinterliegenden. Erinnerungsstücke aus der guten, noch gar nicht so alten Zeit der 50er und 60er Jahre kitzeln eigene Wohnliebhabereien und -sünden heraus, der gezoomte Blick auf Fotografien, die sowohl skurrile Alltagsbanalitäten wie auch inszenierte Situationen und vermitteln, konzentriert sich mehrdeutige künstlerische Positionen.
„Seit Jahren beschäftigen wir uns immer wieder mit dem Thema des Strukturwandels im Ruhrgebiet,“ erläuterte Christine Vogt, Direktorin der Ludwiggalerie, den Hintergrund der aktuellen Ausstellung, „vor zwei Jahren haben wir etwa eine große Ausstellung zum Garten gemacht. Jetzt wollten wir etwas intimer werden, sind wir doch alle irgendwie auch Voyeure. Für diese Ausstellung blickten wir ausführlich durch viele Schlüssellöcher.“ Mit dem Thema Wohnen kann jeder etwas anfangen, jeder hat dazu eine eigene Meinung und eigene Erfahrungen, sagt Nina Dunkmann. Der Besucher sollte mit dem eigenen Bild vom Wohnen in die Ausstellung gehen und mit dem vergleichen, was in Oberhausen gezeigt wird.
Eingerahmt durch Fensterrahmen entsteht in der Fotoserie „Nachbarschaft“ von Oliver Blobel und Sebastian Mölleken ein Bild im Bild: im Vordergrund nachgestellte oder echte „Aus-dem-Fenster-Gucker“ wie der in Ballonseide gekleidete Mann, der rauchend und die Arme auf ein Kissen legend dem Betrachter zu sagen scheint: Sieh und lasse dir dein Klischee bestätigen. Mischa Kuball begleitete in seiner Fotoserie „New Pott. 100 Lichter/100 Gesichter“ einhundert Menschen, die im ehemaligen Kohlerevier eine neue Heimat fanden, führte mit ihnen lange Gespräche und fotografierte die Familien in ihrer Wohnung unter einer Lampe, die er als Tauschprojekt mitbrachte. In der Arbeit „Sweet Dreams“ beschäftigt sich das Künstlerduo JKM (Jürgen Krebber und Karin Michaelis) mit den zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich beim gemeinsamen Wohnen zwangsläufig ergeben. Zwei Nachtschränke in Blau und Rosa symbolisieren dabei das männliche und das weibliche Geschlecht. Alle darauf liegenden Gegenstände sind ebenfalls in diesen Farben gestrichen: in Blau eine lampenschirmlose Lampe mit nackter Glühbirne sowie eine Pistole, in Rosa eine Lampe mit verspieltem Schirm und ein Vibrator. Durch einen auf näher kommende Personen reagierenden Sensor in Bewegung gesetzt, beginnt der Vibrator zu vibrieren. Die vor den Nachtschränken stehenden, heimische Gefühle vermittelnden Hauspuschen verschleiern den wahren Sinn der Arbeit: häusliche Gewalt.
Drei große Themenkomplexe führen das Private ins Öffentliche: „Das traute Heim“ symbolisiert Heimat zwischen vier Wänden in seinen vielfältigen Ausprägungen, „Heimat – home is where the heart is?“ verlässt die Heimat und schafft eine neue in der Fremde, „Abwesenheit – Anwesenheit“ berichtet von aufgegebenen Wohnungen und ihren oft in anderer Umgebung beschädigt zurückbleibenden Inhabern wie von Wohnungsauflösungen, Leere und Verlassenheit (Fotoserie „Tante Änne“ von Jörg Winde). |
„Mein liebstes Stück“, eine interaktive Mitmach-Geschichte innerhalb der Ausstellung, wurde als wachsender und sich verändernder Ausstellungsbereich von Helene Seydel initiiert. Hier werden Sammlerstücke, Kuriositäten und Möbel von Privatpersonen gezeigt – eine Schatzkammer aus „echten“ Lieblingsgegenständen, die in Wohnzimmern, Bädern, Abstellkammern und Schlafzimmern heimisch sind.
At Home - Der Blick durchs Schlüsselloch (-16.09.2012)
Ludwiggalerie Schloss Oberhausen
Konrad-Adenauer-Allee 46, Oberhausen
Tel.: 0208-4124928, ludwiggalerie@oberhausen.de
Di-So 11-18 Uhr
Eintritt: 6,50/3,50 Euro, Familien 12 Euro
Katalog: 29,80 Euro |
| © 01. Juni 2012 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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