| Hildegunst von Mythenmetz (254) scheut ebenso wie sein Erzeuger Walter Moers (54) die Öffentlichkeit und drückt sich vor Interviews. Der, ein grimmig dreinschauendes, nashorn- bis echsenartiges Fabelwesen mit grimmigem Blick und äußerst spitzen Zähnen, lebt als Großschriftsteller in Zamonien, einem Eiland auf einem neuen Kontinent, wo Haifischmaden zu Hause sind und Buntbären existieren. Der andere, ein lichtscheuer, zurückgezogen lebender Zeichner und Erzähler, wohnt und arbeitet in Hamburg, wo er in den grenzenlosen Daseinsformen der Phantasie ein erstaunlich kompaktes, fassettenreiches zeichnerisches und erzählerisches Werk zu bieten hat. Die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zeigt bis Mitte Januar eine umfangreiche, alle Themen- und Werkebenen des Walter Moers umfassende Ausstellung, die mit mehr als einhundert Arbeiten – vom Gemälde bis zur Zeichnung, vom Film bis zu dreidimensionalen Objekten – einen der wichtigsten Geschichtenerfinder und -erzähler deutsche Zunge vorstellt. |
 Walter Moers hat großartiges Kulturgut für die Ewigkeit geschaffen, für das Fernsehen gearbeitet („Die Sendung mit der Maus“) und auf dem Gebiet der Comics unsterbliche Figuren und Charaktere hinterlassen. Der würdige Nachfolger des Barons Münchhausen, der Lügengeschichtenerzähler Käpt'n Blaubär, Der alte Sack, Das Kleine Arschloch, Adolf, die Nazi-Sau, Hein Blöd und die skurrilen Bewohner von Zamonien – alles Gestalten, die aus einer scheinbar unerschöpflichen Phantasie den Weg ins richtige Leben finden, wo die Wolpertinger und Eydeeten hausen, die Kratzen und Schrecksen residieren und Fhernhache und Buchlinge die Welt zwischen zwei Buchdeckeln erkunden. Ohne Respekt vor heiligen Kühen und gesellschaftlichen Tabus einerseits, mit detailverliebter Hingabe die Wünsche und Interessen der Kinder befriedigend andererseits, verschaffte sich Walter Moers nicht nur respektvolle Anerkennung sondern manövrierte sich – unbewusst – in den Status einer Kultfigur hinein.
Einem Irrgarten gleichend, erstreckt sich der Kontinent Zamonien in entlegener Weltferne im Meer der Phantasie. Auf überschaubaren, jedoch in tiefe Geheimnisse und offenbare Dunkelkammern versteckte Orte spielt sich ein Leben außerhalb von Arbeitsplätzen, Kathedralen, Parlamenten und Einkaufszentren ab. Zamonien: ein Kontinent von der Größe eines DIN-A4-Blattes auf dem Arbeitstisch des Walter Moers. „Es gibt Wunder, die müssen im Dunkeln geschehen.“ Professor Nachtigaller erklärt mit diesem lapidaren Satz, warum nichts offensichtlich ist in dem, was Walter Moers offenkundig vor seinen Lesern und Sehern ausbreitet, warum auch auf dem zweiten Blick nichts wirklich überzeugend erklärt werden kann von dem, was das Gehirn des Zeichners aussondert und das DIN-A4-Blatt aufsaugt. Der erst vor kurzem erschienene neue, sechste Zamonien-Roman „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ (Knaus Verlag, 432 Seiten, 24,99 Euro) breitet den Kosmos der buchverrückten Stadt Buchhaim, die durch einen Feuersturm vernichtet und prächtig wieder aufgebaut wurde, mit alten Bekannten und mit neuen Personen, denen eine legendäre Bücherschlange zusetzt und in der eine Menge Abenteuer die Bewohner in einen Strudel verrückter Begebenheiten ziehen.
Walter Moers schöpft in seinem zeichnerischen Werk „aus einem dem kollektiven Bildgedächtnis bekannten Bilderschatz“ (Christine Vogt im Katalog). So persiflierte er die bekannte „Laokoon-Gruppe“ (um 50 v. Chr.) in einer Zeichnung für das 1993 erschienene Buch „Arschloch in Öl“. Albrecht Dürers „Der Feldhase“ (1502) und „Die betenden Hände“ (1508) kombiniert er im selben Buch in einer Dopplung: „Albrecht Dürer: Der betende Hase“. Bildende Künstler wie Andy Warhol, El Lissitzky, Pablo Picasso, Edward Hopper, Hieronymus Bosch, Juan Miro und Henri Matisse sind vor der Moersschen Sicht auf ihre Werke nicht befreit. Und auch die Pop-Art schont der Zeichner nicht. Den Glastisch von Allan Jones mit dem Pin-Up-Girl als Standsäulen mutiert bei Moers zum „Arschloch-Tisch“, im Plagiat der Pornoskulptur von Jeff Koons, „Jeff and Ilona. Made in Heaven“ sieht sich Ilona Staller vom Kleinen Arschloch penetriert.
Tragikomische Figuren zeigt Walter Moers sowohl im Dauerbrenner „Das kleine Arschloch“ wie auch in den Geschichten um Käpt'n Blaubär. Schräge Charaktere und, vor allem in der Figur Adolf, die Nazi-Sau, verewigte, Tabus brechende Gestalten belegen, das Walter Moers sich der Geschichte und der Gegenwart auf völlig unkomplizierte, im besten Wortsinne bedenkenlose Weise nähert. Ein Pfui-Wort wie Arschloch steht wie selbstverständlich auf den Buchumschlägen, und niemand nimmt sonderlich Anstoß. Moers provoziert auf subtile, „freundliche“ Art, seine grenzenlose Respektlosigkeit drückt sich in kleinen Szenen und großen Wortspielen aus, sprachliche und bildhafte Neuschöpfungen (das „Silbengehäcksel“ des tyrannischen Königs Gaunab in „Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär“) gestalten im Moersschen Kosmos eine neue, der Realität enthobene und dennoch in ihr verankerte Neben- und Scheinwelt. Der Buchstabentausch von „f“ und „k“ in „Der Fönig“, etwa „Kasse dich furz!“, erlaubt komische Sinnverdrehungen und bildet einen weiteren Ankerplatz in der Kunst des Walter Moers.
Walter Moers, der sich Ende der 1990er Jahre vom Comic abwendete – er zeichnet später nur noch das von einem Musikvideo begleitete „Adolf – Der Bonker“ -, erlebt in der Ludwiggalerie in Oberhausen eine Retrospektive, die, aus „7 ½ Leben“ gefiltert, das ferne Land Phantasie in greifbare Nähe holt. Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen museumspädagogischen Angebot mit Führungen für Erwachsene, Kinder und Jugendgruppen, einem Comicpreis der Ludwiggalerie sowie Lesungen und Vorträge. Walter Moers selbst jedoch wird man nicht zu Gesicht bekommen – er ist tief in Zamonien eingedrungen und erforscht dort die rätselhafte Welt der Bücher. |
Bis 15.01.2012
Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46, 46049 Oberhausen
Tel.: 0208-4124928
Geöffnet: di - so 11 -18 Uhr, 24., 25., 26., 31. Dezember 2011, 01.01.2012 geschlossen
Eintritt: 6,50 Euro / 3,50 Euro, Kombiticket mit Gasometer Oberhausen 9,50 Euro
Katalog: 29,80 Euro |
| © 01. November 2011 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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