| In Mannheim scheiden sich seit Ende Mai 2011 die Geister. Nicht nur der mit einem Freispruch beendete Strafprozess gegen Wetterfrosch Jörg Kachelmann wegen Vergewaltigung hebt die Stadt am Rhein aus dem Grauzonenbereich heraus. Auch einer der wichtigsten und einflussreichsten Gegenwartskünstler stellt hier seine Fallen auf, in die der Museumsbesucher hinein tappt, weil er mit merkwürdigen, dabei völlig klarsichtigen Versuchsanordnungen konfrontiert wird. Bruce Nauman, 1941 in Fort Wayne/Indiana geboren und heute in Gallisteo/New Mexico lebend, versteht seine Kunst als Ausgeburt eines Wahrnehmungskonzeptes für die Sinne, betörend, verstörend und erklärend. |
 Bruce Nauman, Teilnehmer an den „documenta“ vier, fünf, sechs, sieben und neun, beendete 1966 sein Kunststudium und begann wie andere Künstler dieser Zeit damit, seine Performances auf Film und Foto zu dokumentieren. Und schon 1968 band er das Publikum im „Performance Corridor“ in eine künstlich geschaffene Situation ein: zwischen zwei fünfzig Zentimeter voneinander entfernt freistehenden Wänden geht der Besucher auf und ab: „Jemand anders macht dann die Erfahrung selbst, anstatt nur zuzusehen, wie ich sie mache.“ (Nauman)
Erfahrungsarchitektur: Räume, Korridore, die von den Besuchern betreten werden dürfen, wo sie das Eingeschlossen sein und das Ausgesetztsein physisch und psychisch intensiv erfahren können. Neonarbeiten und Installationen, gemischt mit Klang, Video und Sprache, dokumentieren, was Nauman in seinem künstlerischen Sein erfahren und berührt hat. Extreme Körpertorturen – am eigenen wie am fremden – radikalisieren seine Kunst in dem Bereich, den der Mensch eigentlich meidet. Das Gefährliche, das Widerwärtige, das Gewalttätige – Nauman unterwirft sich keiner Richtlinie und keinem Verbot.
Die Kunsthalle Mannheim zeigt nun zehn, teils raumgroße Werke der Jahre 1967 bis 2001 aus der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof (Berlin) in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie Berlin. Das Zentrum der Friedrich Christian Flick-Sammlung besteht aus einem unvergleichlichen Werkblock eines unvergleichlichen lebenden Künstlers. Vom Nullpunkt aus denkt sich Bruce Nauman in die Kunst und beleuchtet in facettenreichen Querschnitten das Wesen des Menschen und wie er seine Welt versteht bzw. zu verstehen ist. Die umstrittene, weil mit durch Zwangsarbeiter in Rüstungsbetrieben erwirtschaftetem Geld während der Nazi-Herrschaft erworbene Sammlung ist in Teilen seit 2004 im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen; 2008 schenkte Flick 166 Werke der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Träger für den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart.
„Double Poke in the Eye II“ (1985) besteht aus Neonröhren auf einem Aluminiumkasten und zeigen zwei Köpfe im Profil sowie zwei Hände, die in Pistolenhaltung auf das Gegenüber zielen und mit dem jeweiligen Zeigefinger in das Auge des anderen bohren. Auch „Sex And Death/Double '69'“ (1985) ist eine Arbeit, in der Neonröhren einen doppelten Felatio darstellen, der durch die sich ändernden Lichtreflexionen wie eine Leuchtreklame wirkt. Dagegen wirkt die raumgroße Arbeit „Room With My Soul Left Out, Room That Does not Care“ (1984) wie die Realisierung eines unerträglichen Alptraums. Nauman kümmert sich in diesem klaustrophobischen Werk nicht um die Empfindlichkeiten der Besucher sondern nötigt sie gewissermaßen in seine Welt der Korridore. In einem ZEIT-Interview von 2004 sagt Nauman: „Ich wünsche mir von meiner Kunst etwas Direktes und Befremdliches. Dass sie die Besucher entweder völlig kalt lässt oder aber ganz für sich vereinnahmt. Am liebsten ist es mir, wenn sie uns kalt erwischt, wie ein Schlag ins Genick. Uns einfach umhaut und wir gar nicht erst dazu kommen, uns irgendwelche Geschmacksfragen zu stellen. Mir gefällt das Unvorhersehbare.“ Das Statement kann in seiner ganzen Wucht und Masse während eines Gangs durch die Kunsthalle Mannheim auf seine Richtigkeit und Wirkung getestet werden. |
Bis 21.08.2011
Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim.
Tel.: 0621-293-6452/-6430
Geöffnet: di – so & Feiertage 11 – 18 Uhr, mi 18 – 20 Uhr (Eintritt frei)
Eintritt: 7/5 Euro |
| © 01. Juli 2011 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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