| „Beuys ist der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts.“ Ein Satz, wie in Stein gemeißelt, ein Satz, der keine Auslegung und eigentlich auch keine Diskussion gestattet. Gesprochen hat ihn Jean-Christophe Ammann, einer der Kuratoren der großen Ausstellung von Beuys-Zeichnungen aus dem Bestand des Museum Schloss Moyland. Die Grundlage für das, was Joseph Beuys (1921-1986) in seinen umfassenden künstlerischen Gesellschaftsbeschreibungen und -erklärungen wie dem „Erweiterten Kunstbegriff“ und der „Sozialen Plastik“ als Sucher und Entdecker geleistet hat, wurde in seinen frühen Zeichnungen in den fünfziger und sechziger Jahren gelegt. Er selbst wies dem breiten Experimentierfeld seiner Zeichnungen die entscheidende Bedeutung für sein späteres gesamtkünstlerisches Schaffen zu. |
 Das aus Jean-Christophe Ammann, der künstlerischen Direktorin des Museums Schloss Moyland Dr. Bettina Paust und Dr. Nicole Fritz, Kunsthalle Krems, bestehende Kuratorentrio stellte in enger Zusammenarbeit mit Beuys-Forschern der jüngeren Generation eine Auswahl von 214 Zeichnungen (davon 212 Zeichnungen und zwei kleinere Objekte) aus dem Museumsbestand zusammen und präsentiert in exemplarischer Form die wichtigsten Aspekte des „Energieplan“ in einem zehnteiligen Themenkomplex: Soziale Wärmeprozesse, Schamanismus, Aberglaube, Energie der Linie, Mythos Tier, Seelische und geistige Energien, Kraftfelder: Physik und Natur, Christuskraft, Auschwitz, Lebensschwellen und Todesbewusstsein. Etwa ein Viertel der Zeichnungen werden hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Begriff „Energieplan“ taucht in schriftlicher Form in einem Skizzenheft von Joseph Beuys auf, in das er 1965 im Zusammenhang mit der Aktion „und in uns...unter uns...landunter“ Gedanken und Hinweise notierte: „Die Zeit von Einstein stimmt auch nicht. Beuys: Energieplan … Ein bischen Fett! Das neue Prinzip ist in der Lage alles zu infiltrieren.“ Der Künstler, der den Kunstbegriff stets umfassend, das heißt über alle Ränder der Kunst hinausgehend, definiert hat, kritisierte mit dem Wort „Energieplan“ das „auf die Naturwissenschaften bezogene[e] Weltbild der westlichen Industrienationen“ (Stefanie Heckmann im Katalog).
„Beuys ist nicht kompliziert.“ Noch eine Aussage von Jean-Christophe Ammann, die in weiten Bevölkerungskreisen wahrscheinlich auf kollektives Unverständnis stoßen dürfte. Wer jedoch in die Ausstellung eintaucht, dem wird das Ganzheitliche bei Beuys deutlich. „Ich habe Beuys 1972 auch nicht verstanden, weil das ganzheitliche Prinzip damals noch nicht erkennbar war.“ Ammann stellt fest, daß sich in der heutigen Künstlergeneration das Denken von Beuys wieder vielfältig manifestiert, in dem die Jungen das Ganzheitliche aufgreifen und in ihren Arbeiten als Basis niederlegen. Unter diesen Aspekten betrachtet, stellt sich Ammanns kategorische Feststellung ganz anders dar, als sie auf den ersten Blick erscheint. Beuys in seinen Zeichnungen entdecken heißt Beuys grundsätzlich wieder entdecken.
Joseph Beuys hat sich – das machen die in unterschiedlicher Farbe gehaltenen Räume deutlich – in umfassender Weise mit dem Energiebegriff auseinander gesetzt. Es sind, ausgehend von seinem Verständnis physikalischer Vorgänge, in erster Linie die geistigen Energien, aus denen Beuys seine Erkenntnisse für die von ihm begründete „Plastische Theorie“ und die „Soziale Plastik“ zog. Beide Begriffssäulen zielten darauf hin, durch eigenes künstlerisches Wirken eine Veränderung der Gesellschaft einzuleiten. Beuys interpretierte das Christentum und die Anthropologie in seinem Sinne, besann sich auf abendländische Mythologien, untersuchte den Aberglauben und schamanistische Rituale. Das alles waren auch zeichnerische Aktivitäten, mit denen er die sozialen (Denk)Prozesse im Vorfeld von plastischer Theorie und sozialer Plastik analysierte und entwickelte.
Der Mensch im Mittelpunkt – für Joseph Beuys keine leere Formel sondern in konsequenter Beharrlichkeit verfolgte Maxime seines Denkens und Handelns. Als geistige Basis dafür diente ihm der sein vielfältiges Werk umspannender Energieplan, mit dem er das Denken und Handeln der Welt vermessen und ihr zurück gegeben hat. Als wichtigste, auch äußerlich sichtbare Säule der Komplexität des „Energieplans“ eignet sich Beuys' erste USA-Reise 1974 unter dem Titel „Energy Plan for the Western Man“. Die Bedingung dafür: es durfte keine Ausstellungen im herkömmlichen Sinne geben, denn der Künstler reiste nur mit einer Idee an – mit der Idee der sozialen Plastik. Beuys absolvierte die Reise mit einer schier unglaublichen Dichte an Interviews, Gesprächen und Pressekonferenzen über seine programmatische Denk- und Handlungsweise als Künstler – eine Energieleistung innerhalb des Energieplans.
Zum Katalog: Zwölf etablierte Beuys-Forscher (u.a. Barbara Strieder, Jean-Pierre Wils, Magdalena Holzhey) beschäftigen sich erstmals ausführlich mit dem Beuys'schen „Energieplan“ und publizieren aus thematisch innovativer Perspektive neue wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Insofern stellt der Katalog tatsächlich bisher unbekannte Sichtweisen auf das Werk von Joseph Beuys dar. Der Katalog kann allerdings nur während der Dauer der Ausstellung im Museum Schloss Moyland, und nur dort, erworben werden. Die Verwertungsgesellschaft VG Bild-Kunst erlaubte ohne Angabe von Gründen keine Verlagsausgabe, so daß der Katalog nach § 58 Urheberrechtsgesetz nur im Rahmen der sogenannten Schrankenregelung erscheinen darf. Nach dem Ende der Ausstellung ist ein Erwerb nicht mehr möglich.
Ein umfassendes Rahmenprogramm (Führungen, Vorträge, Workshops, Gespräche, Diskussionen) begleitet die Ausstellung.
Zwei weitere große Ausstellungen über Joseph Beuys zeigen K20-Grabbeplatz - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, mit "Joseph Beuys. Parallelprozesse“ (bis 16.01.2011) und das LWL-Landesmuseum Münster mit "Neue Alchemie. Kunst der Gegenwart nach Beuys" (bis 16.01.2011).
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 Bis 20. März 2011 – Museum Schloss Moyland, Am Schloss 4, 47551 Bedburg-Hau.
Tel.: 02824-951060.
E-Mail: info@moyland.de
Öffnungszeiten: Sommer (1. April - 30. September)
di-fr 11-18 Uhr, sa + so 10-18 Uhr, Winter (1. Oktober - 31. März)
di bis so 11-17 Uhr.
Katalog: 39 Euro im Museumsshop, 42,50 Euro bei Online-Bestellung (www.moylandshop.de) inkl. Eintrittskarte und Versandkosten. |
| © 01. Oktober 2010 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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