| Schnecken, Helme, Rückenakte - alles Motive, die der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz wiederkehrend in seinem Werk verarbeitet. Der Helm, der auf dem Kopf liegt und sich öffnet, die Schnecke, die einer Mütze in gleicher Farbanordnung eine neue Kontur gibt, die Rückenakte, die etwas vom Betrachter davon gehen: Markus Lüpertz geht mit Motiven um, ohne erzählerisch tätig zu sein. Sein Werk erzielt eine breite Wirkung, weil er den Formenkanon der Moderne aufgelöst hat. |
 In den sechziger Jahren erregte Markus Lüpertz zunächst mit monumentalen Werken Aufsehen, die mit Hilfe von gegenständlichen Formen (Zelte, Baumstämme, Telegrafenmasten) das Potential des Malens in Serien und Varianten erforschen. Lüpertz nennt das "dithyrambische Malerei" - die Möglichkeiten des Malens und seine eigene künstlerische Leidenschaft unter einen "Helm" zu vereinen. Werner Hofmann nennt Lüpertz einen "Kimpaktmaler", der "Bildinhalte [erfindet], die sich primär als kompakte, unkomplizierte Gegenstände konstituieren. ... Der Kompaktmaler scheut sich nicht, lapidare, köperhafte Requisiten mit plakativer Deutlichkeit auszustatten." In überschwänglicher Begeisterung (so in etwa die Definition des Begriffs "dithyrambisch") malt Lüpertz sozusagen in Anführungszeichen, in dem er das Konservative in der Moderne schleift und scheinbar profane Sujets wie Dachziegeln oder Wäscheleinen als Bildaussage zementiert. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Markus Lüpertz in der Pop-Art der sechziger Jahre eine singuläre Position einnimmt, sozusagen in eine Haltung des "Anti-Pop" verfällt, in dem er größtes Vertrauen in die reine Malerei legt und ohne die damals übliche Verwendung der Fotografie arbeitet. Hier steht insbesondere die "Donald Duck-Serie" als zeithistorisches Dokument bereit.
Am Beginn der 1970er Jahre erweiterte Markus Lüpertz sein Werk um die "deutschen Motive", die das Wechselspiel zwischen figurativer und abstrakter Malerei kennzeichnen. Zitate aus den Werken anderer Maler (Nikolas Poussin, Hans von Marées) und eine bis heute andauernde Auseinandersetzung mit antiken Kunstformen und -motiven ("Daphne") transportieren Markus Lüpertz als einen Maler und Bildhauer, der nach vollkommener Schönheit strebt und diese gleichzeitig aufbricht. Seine unbestritten größte Leistung jedoch ist, dass er viele Motive für die Kunst eroberte, die bis dahin keinerlei Beachtung fanden und in ihrer Profanität per se als inhaltliche Präferenz ausschieden. Lüpertz' Verdienst liegt darin, dass er die deutsche Geschichte mit allen ihren negativen Erscheinungen in der Malerei wieder behandelbar gemacht hat.
"Hauptwege und Nebenwege" lautet der Titel der Retrospektive in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Sie konzentriert sich ausschließlich auf Bilder und Skulpturen von 1963 bis 2009 und ignoriert bewusst das zeichnerische Werk, um den Dialog zwischen Malerei und Skulptur konzentriert beobachten zu können. Die Werkschau folgt den großen monografischen Ausstellung deutscher Maler, die 1993/94 mit Gerhard Richter begann und über Sigmar Polke (1997 und 2000/01) bis zu Georg Baselitz im Jahre 2004 führt. In Bonn hält ein Malerfürst Hof, der mit voller Absicht diese Attitüde pflegt - in Gestik und Rhetorik, als Lyriker und Musiker, als ehemaliger Rektor der Kunstakademien Karlsruhe und Düsseldorf. Der Ausstellungstitel lehnt sich einerseits an den Titel des Paul Klee-Werkes "Hauptweg und Nebenwege" von 1929 an und impliziert andererseits durch den Plural "Hauptwege", dass Markus Lüpertz nicht an einer durchgängigen Linie entlang arbeitet sondern "auf tausend Wegen" (Lüpertz) versucht, gegen Klischees anzukämpfen. "Es ist für mich ein Erlebnis und eine Wiederbegegnung mit dem eigenen Werk", sagte Markus Lüpertz im Pressegespräch, "da ich mit meinen Bildern nicht lebe. Manchmal habe ich das Gefühl, einige könnten heute gemacht worden sein." Dem Ausstellungsteam ist es gemeinsam mit Markus Lüpertz gelungen, einige selten, andere nie gezeigte Werke in Bonn zu präsentieren. Ein umfangreiches Begleitprogramm findet in enger Kooperation mit Markus Lüpertz statt.
Mit dem Ausstellungskatalog startet die Bundeskunsthalle eine neue Reihe, in der namhafte Kunstwissenschaftler und Denker umfassende Beiträge veröffentlichen. Durch ein einheitliches Design (Schrift, Atelierbild mit Künstler auf dem Cover) ermöglichen die folgenden Kataloge eine Corporate Identity sowohl des Museums als auch der präsentierten Kunst.
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Bis 17. Januar 2010, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museumsmeile, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn
Öffnungszeiten: di+ mi 10-21 Uhr, do-so 10-19 Uhr, montags geschlossen
Ticket: 8/5 Euro, Familen: 14 Euro
Katalog 34,90 Euro |
| © 01. November 2009 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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