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Neïl Beloufa - Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

Mit der Ausstellung „Global Agreement“ kehrt der vielfach ausgezeichnete Video- und Installationskünstler Neïl Beloufa zurück in die Frankfurter Schirn, in der bereits 2014 unter dem Titel „Double Feature“ eine Auswahl seiner Arbeiten gezeigt wurde. Zentrum und Basis von Neïl Beloufas Arbeiten ist der Film als künstlerisches Medium. Thematisch dreht sich sein Werk um Macht als Phänomen mit unterschiedlichen strukturellen Ausprägungen und vielfältig anpassungsfähigen symbolischen Repräsentationssystemen. In „Global Agreement“ fokussiert er den menschlichen Körper als Medium zur Inszenierung von Macht im Kontext militärischer Organisationen. In der öffentlich zugänglichen Rotunde und einem angrenzenden inneren Ausstellungsraum der Schirn hat der Künstler begehbare skulpturale Installationen errichtet, die den Betrachters zur aktiven Positionierung zu den gezeigten Bildern und Geschichten herausfordern, aber auch sein Tun als Künstler selbst- und erkenntniskritisch zur Disposition stellen.

Global Agreement, 2018, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Marc Krause

Auf Monitoren in der Rotunde der Schirn zeigt Neïl Beloufa eine Auswahl von Interviews, die er mit Soldatinnen und Soldaten aus unterschiedlichen Ländern über den Videochatdienst Skype geführt hat. Ausgangspunkt seiner vorangestellten Recherche war die Frage, warum Menschen zur Armee gehen. Um Kontakte in die Community zu knüpfen, hat er Profile in sozialen Netzwerken erstellt und sich über diese digitalen Plattformen mit den Soldatinnen und Soldaten ausgetauscht. Während in den Profilen auf Facebook und Instagram eine spezifische Selbstdarstellung überwiegt, die durch Posen geprägt ist, die der Mode- und Lifestyleindustrie entlehnt sind, steht in den Videointerviews mit dem Künstler der berufliche Alltag im Vordergrund. Die Soldatinnen und Soldaten berichten, wie sie etwa in den jeweiligen Militärlagern und Stützpunkten leben, aus welchen Gründen sie der Armee beigetreten sind, welche Hoffnungen und Ängste sie bei ihren möglichen oder tatsächlichen Einsätzen haben und welche prägenden Erfahrungen sie im Dienst für ihre Nation gemacht haben. Eine Collage aus dem Interview-Material projiziert Beloufa zusätzlich großflächig im inneren Ausstellungsraum der Schirn.

„Global Agreement“ wirft Fragen zu physischer Präsentation und Rezeption auf, mit denen sich auch der Betrachter bei der Begehung der multimedialen Installation unmittelbar konfrontiert sieht. In seiner künstlerischen Produktion verfolgt Beloufa das Narrativ, in dem Fiktion und Realität verschmelzen. Er verbindet übergangslos Dokumentarisches mit künstlerisch manipuliertem Material, um den menschlichen Körper und dessen diskursive und politische Bedeutung zu beleuchten. Es sind Geschichten über Militär, Waffen, Fitness, Schönheit und Körperkult im Kontext der Inszenierung von Macht. Dabei arbeitet Beloufa mit Strategien, die eine klare Repräsentation und damit den Betrachtern die Durchschaubarkeit der Situation verweigern. Der Künstler bleibt in den Videos als Dialogpartner abwesend, die Protagonisten der Interviews sind nicht durch Kleidung in ihrer Funktion erkennbar oder der übergeordnete militärische Zusammenhang ihrer Funktion sichtbar.

Der 1985 in Paris geborene französisch-algerische Künstler instrumentalisiert systematisch die Irritation über das Verschwimmen der Grenzen zwischen wahr und falsch in der filmischen Narration. Insbesondere reflektiert er damit Umstand, dass sich politische und gesellschaftliche Konflikte zunehmend ins Internet verlagern, wo von den Usern mit Bildern und Texten eine eigene informative Realität geschaffen wird, die uns letztlich eine Perspektive der Unentscheidbarkeit oder Parteilichkeit aufzwingt. Neïl Beloufa nimmt diese Entwicklung auf und spitzt sie ad absurdum zu. Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, sagt über die Videoarbeit von Beloufa: „Er folgt dabei einer einfachen Regel: Er schafft Situationen, in denen die Protagonisten von Dingen sprechen, die stattgefunden haben oder auch nicht. In einem nächsten Schritt wiederholen sich diese Situationen, als ob sie sich noch einmal selbst beobachten würden – die Fiktion, der Kommentar zur Fiktion und schließlich der Kommentar auf die Herstellung einer Fiktion werden miteinander kombiniert.“

Welchen Bildern kann man vertrauen und welchen nicht? Der Künstler eliminiert in seinen Videos absichtlich seine Rolle und Autorität als Autor. Die Behauptungen von künstlerischer Komposition und von Referenzen, von Inhalt und von diskursiven Ebenen sowie von einer Position im Allgemeinen widerlegt er in seinen Arbeiten und lässt sie ins Leere laufen. Die Installationen, Videos und Bilder sind mithin keine souveränen Originale, die als autonome Kunstwerke gelten wollen, sondern provozieren den Betrachter mit einer fordernden subjektiven Offenheit, die einem Kopfschmerzen bereiten kann. Neïl Beloufa zeigt das Dilemma einer Zeit auf, in der Bilder zu bloßen Informationen entschärft sind. Man kann auch sagen, dass auf symbolische Weise der Tod des Bildes erklärt wird.



Neïl Beloufa. Global Agreement

23. August – 28. Oktober 2018

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Römerberg, 60311 Frankfurt

www.schirn.de
© 01. September 2018  WESTZEIT ||| Text: Till Barz ||| Datenschutz
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