interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
AND THE GOLDEN CHOIR - Der sich nicht traut

Tobias Siebert – seines Zeichens Mastermind der Band Klez.E, aber auch in eigener Sache als ´And The Golden Choir´ unterwegs, bricht mit seinen Gewohnheiten. Das ist ja das Recht – wenn nicht sogar die Pflicht – eines jeden Musikers, der etwas auf sich hält und nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten sucht. Allerdings ist es so, dass ´Breaking With Habits´ erst das zweite ´And The Golden Choir´-Album ist.

Kann man da eigentlich schon von Gewohnheiten sprechen, die gebrochen werden wollen?

„Der Dreh- und Angelpunkt ist eigentlich meine Persönlichkeit, die sich sehr schnell langweilt“, gesteht Tobias, „und die keine Lust hatte auf ein Album, was an mein Debüt 'Another Half Life' andockt. Viele hätten das vielleicht gemacht, aber mich hat es gereizt, neue Sachen auszuprobieren.“

Zum Beispiel Instrumente: Auf dem zweiten Album hantiert Tobias – der als ´And The Golden Choir´ in seinem Kreuzberger Studio so ziemlich alles alleine macht - zum Beispiel mit Drehleiern, Autoharp, Omnichord, Stütztrommel, Klarinette und Cello – alles Sachen, die er vorher noch nicht ausprobiert hatte.

„Na ja“, meint Tobias, „so gehe ich halt durch's Leben und versuche, immer wieder etwas Neues zu finden.“

Kein Wunder also, dass Tobias dem Ratschlag seines guten Freundes Simon Frontzek nicht folgte, der vorschlug, ´Another Half Life´ einfach noch ein Mal zu machen, weil ihm diese Scheibe so gut gefallen hatte.

„Nee – genau das wollte ich eben nicht, denn ich hatte Lust zu sehen, was der Chor noch machen könnte“, berichtet Tobias, „der Chor bin ja eigentlich nur ich – aber in meinem Kopf ist es ein großes Orchester und da gibt es viele Stimmen und Personen, die ich noch gar nicht gehört habe, bzw. die ich in den Vordergrund treten lassen wollte.“

Der größte Unterschied zwischen den beiden ATGC-Scheiben ist dann wohl der, dass es auf ´Habits´ nun erstmalig elektronische Elemente zu hören gibt.

„Ja, es ging darum, Dogmen zu brechen“, bestätigt Tobias, „und dazu gehörte, Elektronik zuzulassen und mit Strukturen zu spielen – vielleicht nur mal einen Refrain aufzunehmen oder einfach mal ein wenig Schlagzeug zu spielen und zu sehen, was dazu passen könnte.“

Dazu muss man wissen, dass Tobias jemand ist, der seine Songs nicht im konventionellen Sinne schreibt, sondern im Studio aus Ideen spontan entwickelt – und auf diese Weise den Hörer sozusagen am Entstehungsprozess teilhaben lässt. Was aber sagt er denen, für die früher immer alles besser war und die Elektronik per se als eines organischen Songwriters unwürdig ablehnen?

„Das habe ich ja auch gedacht, das Fragen in dieser Richtung aufkommen“, meint Tobias , „was ich aber bisher gelesen habe, ist, dass das den Leuten gar nicht so aufgefallen ist.“

Was vielleicht daran liegen mag, dass Tobias als Arrangeur auch dieses Mal seine Muskeln spielen lässt und organische und elektronische Elemente so geschickt mischt, dass man am Ende gar nicht mehr sagen kann, was nun was ist.

„Ich persönlich finde diesen Sprung ins Elektronische viel drastischer, als er wirklich ist“, überlegt Tobias, „aber ich habe auf dieser Scheibe auch gelernt, dass die eigene Wahrnehmung nicht stimmen muss und ich mir bezüglich meines eigenen Geschmacks gar nicht mehr trauen kann – was ich ziemlich verwirrend, aber auch spannend fand.“

Auf jeden Fall führt das zu einem Ergebnis, das dann nicht nur für die Fans, sondern auch für Tobias überraschend ist – was für einen kreativen Musiker, der mit seinen Gewohnheiten brechen möchte, ausschlaggebend sein dürfte.

Aktuelles Album: Breaking With Habits (Caroline)
© 01. Februar 2018  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
Februar 2018


suche